Spaziergänge auf der documenta 14 in Kassel

Die „documenta 14“ ist eine bedeutende Kunstmesse in Europa. Sie hat den Anspruch eine Weltkunstausstellung zu sein. Seit über 60 Jahren ist Kassel der Standort. Dieses Jahr teilt sich die deutsche Stadt gemeinsam mit Athen in Griechenland den Standort.

Kassel verwandelt sich alle 5 Jahre für 100 Tage in ein riesiges Kunstmuseum. Das Museum Neue Galerie wurde komplett leergeräumt und auch in der Stadt finden sich zahlreiche Installationen. Einige stehen seit Jahren an ihren Platz und andere sind dieses Jahr neu hinzugekommen und verändern das Stadtbild. So wie die Arbeit von der argentinischen Künstlerin Marta Minujín. Auf dem Friedrichsplatz steht eine Stahlkonstruktion verkleidet mit Büchern die irgendwo auf der Welt einmal verboten wurden. Die Künstlerin wählte die Form des Parthenon nicht nur weil Athen die Partnerstadt der diesjährigen documenta ist. Der Tempel wurde als Ort des Denkens und Austausches gebaut. Außerdem komme „all unsere Kultur aus Griechenland“, so die Künstlerin. Alle Besucher*innen können ehemals verbotene Bücher mitbringen, die so die Installation bis Ende der documenta vervollständigen sollen.

Vor allen anderen da sein – Ein Spaziergang

Offiziell eröffnet die Ausstellung erst heute ihre Türen. Wir hatten die Gelegenheit mit Bloggern aus Dresden und Leipzig die Ausstellung zu besuchen und auch das Konzept der Spaziergänge kennen zu lernen. Mit dabei waren Sebastian und Maureen von We should run, Alexander Nast, Mister Mathew und Annabelle sagt. Gemeinsam mit Pressevertreter*innen und der Elite der Kunstszene laufen wir durch die Räume. Auch einige Künstler*innen sind vor Ort. „Das ist Marie Cool“, flüstert unsere Choristin Karina. Sie geht gerade in eine Performance rein. Marie Cool und ihr künstlerischer Partner Fabio Balducci arbeiten vor allem mit Büromaterialien; „alles was man eben so im Schreibtisch hat, wie Tesafilm“ erklärt Karina. Licht und Langsamkeit spielen eine große Rolle in ihrer Arbeit. Das Licht strahlt durch eine große Fensterfront und Marie Cool holt den Regen von draußen durch schnelle Fingerbewegungen auf dem gespannten Klebeband akustisch nach drinnen.

Die Besucher führen, die Chorist*innen erklären

Zwei Spaziergänge konnten wir auf der documenta 14 erleben. Gemeinsam mit Ann Kathrin Mogge entdecken wir die Ausstellung im  Fridericianum. Mit ihrer Hilfe fangen wir an uns über die Ausstellung auszutauschen und Assoziationen zu sammeln. Die Frage wer hat eigentlich Zugang zu Museen und Kunst beantworten. Die Chorist*innen bereiten sich auf die Künstler*innen vor und können für einen Spaziergang gebucht werden. Dabei bestimmen die Besucher*innen die Laufgeschwindigkeit und die Auswahl der Objekte zu denen sie etwas erfahren möchten. „Eigentlich hatte ich nur einen Tag Vorsprung“ verrät Ann Kathrin und freut sich über den Austausch zu den Werken.

Es brennt nicht – Ist nur Kunst

Aus einem Turm neben dem Fridericianum steigt Rauch auf. Dies ist eine Installation vom Künstler Daniel Knorr und soll zum einen ein Rauchzeichen nach Athen sein, aber auch die Idee der documenta in die Welt tragen. Die Zusammenarbeit mit Athen soll die Möglichkeit aufzeigen Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen, so der künstlerische Leiter Adam Szymczyk. Fast alle Künstler*innen haben Kunst an beiden Orten ausgestellt. So auch Kross, denn in Athen hat er Müll auf den Straßen gesammelt und sie in Bücher gepresst.
Ein Künstlerduo hat an zwei Standorten eine Bühne aufgebaut. Aber in Kassel werden sie nicht performen, verrät uns unsere zweite Choristin Karina Chernenko. Hier bleibt die Bühne leer. Die Hauptspielstätte in Athen ist das zeitgenössische Museum EMST, welches erst durch die documenta wieder eröffnen konnte, da es vorher finanziell nicht möglich war.

Performance und Installationen auf der documenta

Performances machen Kunst erlebbar und dynamisch. Selbst am Preview Tag waren wir einige Male zufällig am richtigen Ort zur richtigen Zeit. In der documenta Halle sind 23 Meter Stoff bestickt. Die Künstlerin setzt sich darauf mit der Geschichte von norwegischen Ureinwohner*innen auseinander. Wir erleben dazu die Geschichte gesungen in der Original Sprache der Menschen die früher einmal in Norwegen gelebt haben. Bevor sie die Kirche vertrieben hat. Flucht und Vertreibung sind Schwerpunktthemen auf der diesjährigen documenta. Der irakische Künstler Hiwa K. hat an der Malertreppe vor der documenta Halle eine Installation aus Röhren aufgebaut und Bedürfnisse von Menschen in diese Röhren eingebaut. Es gibt Rückzugsorte, ein Badezimmer, Zugang zu Wissen, Unterhaltung und Sport. Allgemein repräsentieren die Röhren Lebensraum. Sie sind aber räumlich voneinander getrennt und so schmal, dass niemand darin längerfristig Leben möchte. Der Künstler hat dies auf seiner eigenen Flucht aus dem Irak aber getan und hat so eine ganz persönliche Verbindung zu seinem Werk.

Die Welt der Kunst in Kassel

Kassel möchte Weltausstellung sein. Wir sahen Kunst aus Senegal, Argentinien, Chile, USA und Lappland. In der Location Neue Hauptpost ist besonders viel indigene Kunst zu sehen. Spiegelt sich die internationale Ausrichtung auch bei den Besucher*innen der documenta wieder? Wir stehen wieder vor der Frage vom Anfang. Wer hat eigentlich die Möglichkeit Kunst zu sehen, zu erleben und zu verstehen? Die Spaziergänge bieten eine tolle Möglichkeit an Hintergrundinformationen zu kommen, bieten aber auch eine finanzielle Hürde. Ich würde mir wünschen, dass im Sinne des Audience Development Ansatzes auch Menschen Zugang zu den Werken bekommen, die sonst keinen Zugang zu Kunst und Kultur haben. Ist das von der documenta überhaupt gewollt? Reichen dafür Installationen in der Innenstadt aus? Ab heute wird die Schlange vor dem Eingang nicht mehr so kurz sein und die Besucher*innen müssen sich das Privileg des Kunstkonsums mit vielen anderen Menschen teilen. Die Dezentralisierung des Standortes nach Athen ist ein politisches Statement. Auch die überwiegende Ausstellung von nicht europäischen Künstler*innen und weniger etablierten auf den Kunstmarkt ist eine Öffnung der Kunst.

Text und Fotos: Meike Krauß

Vielen Dank an das Team vom Besucherservice Avantgarde, die den Besuch auf der documenta 14 möglich gemacht haben.

Hier geht es zum Beitrag von We Should Run.

Weiter zum Beitrag von Mister Mathew.

Annabelle sagt – hier lang zu ihrem Beitrag.

Video Blogger Alexander Nast hat über den Tag eine Instagram Story gedreht: