Gastbeitrag Theaternetz: Zwischen Opernhaus, Showbühne und Menagerie – Im Gespräch mit Fabian Egli

Theaternetz ist ein junger Kulturjournalismus aus Stuttgart. Während wir die breite Kulturlandschaft in Dresden abbilden konzentriert sich Theaternetz ganz auf die Theaterlandschaft in und um Stuttgart. Auch unsere Artikel zum Thema Theater wurden bereits dort veröffentlicht. In ihrer Kategorie Coffe & Cigarettes treffen die Autor*innen von Theaternetz die Menschen hinter der Aufführung. Dieses Mal im Gespräch mit Fabian Egli

Bereits in den frühen Kindheitsjahren wurde die Stimmgewalt des Schweizers Fabian Egli erkannt. Sein Weg führte vom Kinderchor bis in die Opernhäuser und Musicalbühnen der Republik. Heute agiert der satte Bariton in den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz und hat sich unlängst als Künstler der universellen Fähigkeiten etabliert.

Na, dann legen wir mal los. Wie kamst du eigentlich zum Theater?
Irgendwie war das so selbstverständlich. Ich bin, als ich fünf Jahre alt war, mit meinem Vater in ein Adventskonzert gegangen und dort hat ein Kinderchor gesungen. Sofort habe ich zu meinem Vater gesagt, dass ich das machen möchte. Der Chor war eigentlich erst ab acht Jahren zugänglich, doch die Chorleiterin hat eine Ausnahme gemacht und ich durfte mitmachen. Schon mit fünf Jahren habe ich also regelmäßig Gesangsförderung erhalten und immerzu gesungen. Ich hatte das Glück, dass die Chorleiterin – eine nette Dame – recht schnell erkannt hat, dass ich Talent habe und so erhielt ich schon in jungen Jahren eine besondere Förderung. Die meisten sind dann irgendwann im Stimmbruch ausgeschieden. Bei mir kam der recht früh, schon mit zwölf Jahren und über die Sommerferien hatte ich plötzlich schon meine Männerstimme. Doch ich wollte unbedingt ein Teil des Chores bleiben und von da an hat die Leiterin extra für mich eine Bassstimme in die Stücke des Kinderchors reingeschrieben. Hierdurch hatte ich immer Solostimmen und erhielt eine spezielle Förderung. Neben dem Sologesangsunterricht, den ich dann nahm, habe ich dann drei Jahre vor dem Abitur mit einem Pianisten – der ähnlich verrückt war wie ich – ein Duo gegründet. Mit einem breiten Repertoire traten wir so schon in kleinen Theatern auf. Ich bin also reingewachsen in die ganze Sache. Dann kam irgendwann die Frage: Schaffe ich es ins Studium oder nicht? Mein Lehrer hat gemeint ich würde es schaffen. Ich wurde dann auch genommen und habe erst mal ganz normal Gesang und Gesangslehre in der Schweiz studiert. Ich wusste aber immer, dass ich auf die Bühne wollte. Es ist schön, auch mal eine Messe zu singen, mach ich auch jetzt dieses Jahr wieder, aber ich wusste, ich bin der Bühnenmensch. Wie ihr hört komme ich also durch den Gesang zum Theater.

Du hast dein Aufbaustudium dann auch in Stuttgart gemacht. Wie war deine Zeit dort und was verbindest du noch mit der Stadt?
Ich kam ganz spontan nach Stuttgart. Eigentlich war mein Plan in Amsterdam zu studieren. In dieser Schule kam es aber aufgrund politischer Gründe zu Lehrerwechsel und dann habe ich dort meinen Platz verloren. Stuttgart war dann noch die Schule, die noch keinen Anmeldeschluss hatte und ich kannte jemanden der da ist und der sagte es wäre gut und ich solle es versuchen. Das habe ich dann gemacht und wurde angenommen. Das tolle in der Stuttgarter Opernschule ist, dass sie ihr eigenes Theater hat. Im Wilhelmatheater, in dem die Opern- und Schauspielstudenten der Hochschule spielen dürfen, lernt man so von Anfang an, wie Theater funktioniert. Die gesamten Abläufe gleichen einem Realbetrieb. Das ist sehr wertvoll. Man lernt recht schnell dieses eigentümliche System kennen. Es ist so, dass man mit diesem System klarkommen muss, wenn man in diesem Job bestehen will. Und sonst, muss ich ehrlich sagen, verbindet mich mit Stuttgart nicht mehr viel, da ich eigentlich nur gearbeitet habe die ganze Zeit. Ich bin auch nie so richtig in das Studentenleben reingewachsen, die meisten waren nämlich schon von Beginn an auf dieser Schule. Ich bin da eigentlich einfach so dran vorbei gereist. Stuttgart ist ja auch ein Ort, an dem sehr viel läuft mit seinen vielen Theatern, seiner Kabarett- und Varietészene. Ich war sehr, sehr oft im Theater und im Gegensatz zu meinen Studienkollegen nicht nur im Staatstheater, sondern auch in den ganzen anderen Häusern und kleinen Bühnen. So oft es ging war ich im Theater.

Also liebst du auch die Vielseitigkeit?
Ja, diese Vielseitigkeit ist für mich wichtig. Ich finde sowieso, dass diese ganze Abgrenzung in den ganzen Sparten völlig unsinnig ist. Also, warum hat die Oper so viel Angst vor dem Musical oder das Schauspiel vor der Oper? Wir machen eigentlich alle das gleiche. Wir stehen auf der Bühne und bieten dem Publikum etwas, dass mit Kunst in all ihrer Facetten zu tun hat. Statt gegenseitiger Abgrenzung der Sparten, die aufgrund der jeweiligen Stückauswahl schon gegeben ist, könnte man auch produktiv zusammen arbeiten und voneinander lernen. Ein Beispiel: Vom Kabarett – wenn es gut gemacht ist – kann ich sehr viel was Timing, Rhythmus und Pointen setzen angeht lernen. Das kann ich wieder für meine Bereiche Oper und Musical brauchen. Deutschland hängt hier beispielweise Holland extrem hinterher. Hier kam es schon zum Umdenken und das starre Schubladendenken der Sparten lockert sich allmählich. Wir schreiben was, wir machen was und wenn Leute kommen ist die Etikette die drauf ist egal. Die Mischproduktionen zwischen Schauspiel, Ballett, Oper und auch Musical sind so fruchtbar und künstlerisch spannend.

Kondition und Wille

Was zeichnet deiner Meinung nach eigentlich einen guten Opernsänger aus und was einen guten Musicaldarsteller?
Bei der Oper ist es schon so, dass natürlich die vokale Qualität an erster Stelle steht. In erster Linie also toll singen. Man kann das ein Stück weit auch nicht beeinflussen. Entweder du hast dieses Timbre und das Material oder nicht. Dann, oben drauf kommt deine Ausbildung. Hast du eine ordentliche Technik, die es dir erlaubt, das was in dir steckt zu nutzen, ohne dass man etwas kaputt macht. Über die Jahre wird man besser, man reift. Dann ist aber auch ein großer Bereich, den ich zu Beginn erst einmal unterschätzt habe: Man muss einfach auch die Kondition und den Willen mitbringen, immer und als Standard eine gewisse Lautstärke zu produzieren, hierfür muss man oft leider Abstriche in der künstlerischen Darstellung machen. Viele Häuser sind akustisch, mit ihren hochgefahrenen Orchestergräben, nicht optimal gebaut und wenn das Orchester dann spielt, dann brennt die Bude und man muss schauen, wie man durch kommt. Da kann man lange schön Ausdruck spielen, wenn man nichts hört, ist es blöd. Das muss einem, wenn man sich in der Oper wirklich wohlfühlen will, recht sein. Da macht man dann eben im Spiel Abstriche und letztlich auch im Ausdruck. Wenn man viel Geräusch und Klang produzieren muss, sieht man auch nicht mehr so entspannt aus, was ganz normal ist. Wenn einem allerdings der Ausdruck und das Spiel wichtig wäre – das ist es in meinem Falle auch – dann hat man es in der Oper in Deutschland sehr schwer. Hier sind noch ein großer Klang und ein großes Orchester gefragt. Beim Musical ist es etwas anders. Hier ist eher die Vielseitigkeit wichtig. Die Gewichtung des Spiels und des Tanzes ist viel größer. Nur mit einer schönen Stimme hat man im Musical keine Chancen. Es gibt natürlich solche Cracks, die in allen drei Bereichen gleich gut sind, aber normalerweise sind zwei starke Bereiche Standard und den dritten nimmt man so mit. Dies reicht auch aus, denn wenn ein Tänzer super tanzt und ein Sänger daneben hervorragend singt und beide gut spielen, dann gleicht sich das aus. Das Interesse an den unterschiedlichsten Ausdrucksformen ist also im Musical von großer Bedeutung. Musical ist schließlich so breit gefächert quer durch alle Genres. Wenn man seine Nische findet im Musicalbereich, dann hat man Erfolg. Bei mir ist es der Gesang und dann das Schauspiel. Tanz ja, das geht schon. (lacht) Nicht meine Stärke, aber ich komme mit…

Deine Passion – Oper oder Musical?
Ja, das ist das Lustige. Zunächst die Oper, wahrscheinlich weil ich die klassische Gesangsausbildung gemacht habe. Es war das Einzige, was es für mich damals gab und dann habe ich das gemacht. Ich bin auch froh darum, da man eine sehr solide gesangliche Grundausbildung erhält. Rein vokal kann mir nicht viel passieren. Aber eigentlich begeistert mich schon eher das Unterhaltungstheater. Musical ist da auch zu eng gefasst. Der ganze Bereich Musical, Show bis hin zum Varieté. Zunehmend merke ich auch, dass darin meine Stärken liegen und daher habe ich mich jetzt auch im letzten Jahr ganz dafür entschieden, in diese Richtung zu gehen. Seit ich das gemacht habe, denke ich eigentlich, dass ich das schon früher hätte machen sollen. Es war eigentlich von Kindesbeinen an das, was zu mir passte. Ich habe als Kind so viel Theater gesehen. Aber gut gemachte Musicals oder Shows begeisterten mich stets am meisten. Wir sprechen nicht von den Stücken, die laufen und die nach ein paar Monaten wieder vergessen werden. Gerade versucht man aus jedem Thema ein Musical zu machen und da kommt das häufig vor. Das war in der Oper vor 250 Jahren aber auch so, in Hundert Jahren wird auch kein Musical mehr laufen, das heute floppt. Der Vergleich ist nicht fair, das eine ist schon Jahre her und hat sich im Laufe der Zeit etabliert bzw. ist schon ausgesiebt. Das andere passiert gerade und muss noch ausgesiebt werden.

Musical und der Kommerz – wie stehst du dazu?
Ja, natürlich das ist ein zweischneidiges Schwert. Es ist ja so, dass die klassischen staatlichen oder städtischen Theaterhäuser subventioniert werden und das ist sehr wichtig. Man darf diesen Häusern unter keinen Umständen die Gelder wegnehmen, allein wegen der Bildungsfunktion, denn kein Geld, keine Bildung. Man sollte aber auch nicht vergessen, dass der Kommerz im Musical auch deshalb eine solche große Rolle spielt weil hier die Subventionen fehlen. Die Musicalhäuser müssen ihre Kohle meist selbst einspielen. Das ist die eine Seite, deswegen ist eine gewisse kommerzielle Ausrichtung nötig. Wenn Musical im Rahmen eines subventionierten Mehrspartenhauses gespielt wird, dann ist es natürlich anders. Wobei selbst dort dann das Musical die „Geldreinbring-Maschine“ ist. Man setzt eines auf den Spielplan, damit die Leute kommen. Das ist schade, denn es gibt wirklich auch viele Offstream-Musicals, wo wirklich gutes Theater gemacht wird, auch zeitpolitisches Theater. Das sieht man leider selten und wenn dann nur in Studioproduktionen. Aber generell ist es schon so, dass bei den wirklich großen Produktionen die Kommerzialisierung nach und nach ins negative Extrem kippt. Stage Entertainment, beispielsweise, ist jetzt von einem Finanzinvestor übernommen worden und von einer Finanzholding die rein gewinnfixiert arbeitet. Das geht eine Zeitlang gut und dann leidet die Qualität darunter. Das erste, was daran glauben muss, ist das Orchester, wo man dann mit viel Synthesizer arbeitet und dann werden die Ensembles verkleinert. Das ist ein Problem. Wobei, da kann man jetzt auch wieder einen Gegentrend erkennen, weil die Leute nicht blöd sind und diese Qualitätseinbuße aufgrund von Gewinnerzielung erkennen. Irgendwann stimmt das Preis-Leistungsverhältnis einfach nicht mehr. Es gibt inzwischen genügend Staats- und Stadttheater und auch kleinere private Häuser, in denen tolle Produktionen laufen. Mal schauen, wie lange es dauert, bis es die großen Musicalunternehmen erreicht. Bei den großen eingekauften Shows handelt es sich nämlich oft nur noch um Reproduktion und nicht mehr um eigene Kunst.

Sind das nicht dann auch die Schattenseiten von dem Beruf des Musicaldarstellers?
Ich würde nicht sagen die Schattenseite, aber es ist schon die dunkle Wolke, die drüber schwebt. Entweder du machst als Darsteller mit in diesem Spiel, hältst dich an die Regel, läufst mit, oder du lässt es bleiben, kannst dann aber den Beruf nicht ausüben. Das hat ja auch Auswirkungen auf Auditions und auf das Casting. Überall spürst du eben, dass mehr auf Namen gesetzt wird und dabei immer auf die Gleichen – egal ob sie für eine Rolle geeignet sind oder nicht. Darunter leidet oft die Kreativität und die schöpferische Kunst. Die Chance für Leute, sich zu entwickeln bleibt aus. Komm rein, mach es und wenn du es nicht machst, lass es bleiben.

Nicht nur Gehröcke und Rüschenkostüme

Postmoderne Stilistik in der Oper – Kritiker oder Liebhaber?
Das ist ein ganz schwieriges Thema. Ich will in der Oper nicht nur Gehröcke und Rüschenkostüme sehen, aber ich will eben auch Gehröcke und Rüschenkostüme sehen. Es ist leider momentan ein Grabenkrieg, also entweder oder. Entweder man macht es traditionell, was dann aber oft meint, dass man auch nur ansatzweise von all dem absieht, was nach heutiger Zeit riecht, oder man macht modern, was dann oft dazu führt, dass man das Stück nicht mehr erkennt. Beides ist nicht gut. Ich kann in einem historischen Setting sehr wohl ein modern gedachtes Theaterstück auf die Bühne bringen. Wo die Figuren aus heutiger Sicht beleuchtet werden und Themen gegenwärtig betrachtet und verarbeitet werden. Die moderne Sicht ist sehr wichtig, sonst ist es ein Museumsstück. Wichtig ist aber immer auch der inhaltliche Bezug zur Thematik. Wenn es postmodern ist der Postmoderne wegen, dann fehlt mir die durchdachte, schlüssige Sichtweise auf das Stück. Ich muss nicht immer die Auffassung des Regisseurs teilen, aber wenn ich sie nachvollziehen kann und ein Diskurs entsteht, dann ist das gut. Man merkt das auf den Proben ganz schnell. Es kommen Momente wo der Regisseur sich ans Libretto setzt und sagt: „Ja, aber diese Szene. Es ist auch einfach nicht gut geschrieben, das streichen wir“, das sagt mir dann, dass da kein schlüssiges Konzept vorhanden ist. Das heißt nicht, dass man alles so spielen soll wie es geschrieben steht – das wäre ja schrecklich – aber wenn man ein Stück inhaltslos zusammensetzt, dann geht vieles schief. Viel funktioniert bei den postmodernen Sachen auch deswegen, das glaube ich und das ist jetzt vielleicht auch sehr subjektiv gesagt, weil Zuschauer, die das Stück anschauen und den eigentlichen Inhalt gar nicht verstehen, eine fantasierte, höhere Bedeutung darin sehen, oder dass Andere sich davor komplett verschließen und in dem Irrglauben sind, dass die Kunst zu hoch für sie ist. Ich hab das auch selber als Darsteller erlebt. Nicht nur der Zuschauer wusste nicht mehr um was es geht, sondern auch wir Darsteller und bedauernswerterweise auch der Regisseur, der nur mit philosophischen und psychologischen Vorträgen daherkommt. Im Schauspiel ist das ähnlich, wobei die Sparten in dieser Thematik auch nicht gleichzusetzen sind und es hier Differenzen gibt.

Was zeichnet einen guten Regisseur dann aus?
Aus meiner Sicht sind das drei Bereiche. Zunächst sollte er einen großen Respekt vor dem Stück haben. Ich will als Darsteller erkennen, dass sich hier jemand wirklich genau damit beschäftigt hat. Wenn schon im Konzeptionsgespräch gesagt wird: „Es ist aber auch keine starke Vorlage“, dann merke ich, dass dieser Respekt in jeder Hinsicht fehlt. In der Operette ist es beispielsweise so, dass man die ganzen alten Texte umschreibt – klar, weil dieses alte gestelzte Deutsch schwierig ist. Aber es gehört dazu und es ist ein Stilmittel dieses Stücks und die Kunst ist es eben, daraus etwas zu machen. Eine andere Bedingung ist, dass ein Regisseur auf die Leute eingehen kann und das entsprechend ihrer Besonderheiten und Fähigkeiten. Ein Regisseur muss die Ressourcen der Darsteller erkennen und mit diesen gemäß seiner Konzeption arbeiten. Neben der kreativen Tätigkeit sollte ein Regisseur aber auch menschliche Werte vertreten und organisatorisch den Überblick nicht verlieren. Denn miese Stimmung killt jegliche Art von Kreativität. Ich will von einem Regisseur eine Ahnung erhalten, wie er meine Rolle sehen will und kombiniere das mit meinen Vorstellungen. Es soll ein Zusammenspiel sein, das ist aber nur möglich, wenn seitens der Regie eine Grundidee vorhanden ist.

Inszenatorisch gibt es im Musiktheater unterschiedliche Ansätze. Die reine Bedienung der Partitur reicht nicht mehr aus. Zunehmend werden lyrische Werke eingewoben, das Libretto umgeschrieben oder ergänzt und entgegensetzte szenische Darstellungen auf die Bühne gebracht. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem eigentlichen Werk sondern eine Art Reibung entsteht. Also assoziative Inszenierungen und reflexive Verschärfung der Thematik.
Ich finde so etwas total interessant. Man kann und sollte das auch machen, muss man aber auch nicht. Wenn solche Produktionen hin und wieder einmal laufen und beispielsweise in der „Zauberflöte“ das Thema Syrien eine Rolle spielt, oder wenn bei „Hänsel und Gretel“ Thema Kinderarmut eingewoben wird, warum nicht. Es ist schon auch wichtig, dass das Theater nicht immer gefällig ist und auch das Musiktheater. Dieses ist ja dem größten Risiko ausgesetzt, einfach nur gefällig zu sein. Im Schauspiel ist es besser möglich solche Brüche einzubauen. Ich finde es in Ordnung und sehr wichtig, aber es sollte kein Standard sein. Es muss für mein Empfinden auch Theater gemacht werden, das einfach nur unterhält. Das hat eine wichtige Funktion gerade in unserer heutigen Zeit. Es ist nicht so, dass wenn das Theater bestimmte Problematiken nicht zeigt, dass die Leute es dann nicht wissen. Das war früher mal so, da war das Theater ein Informationsorgan. Heutzutage werden die Leute permanent mit solchen Themen konfrontiert. Ich saß heute jetzt im Frühstücksraum im Hotel und da ist ein Fernsehbildschirm, da läuft nonstop vierundzwanzig Stunden am Tag NTV, ich hab mich dann irgendwann umgesetzt, denn man entkommt den gegenwärtigen Schreckensnachrichten nicht. Muss das jetzt hier im Frühstücksraum sein? Da liegen sowieso überall Zeitungen, jeder hat ein Handy.

Jetzt steige ich mal aus

Deswegen finde ich es wichtig, dass die Leute auch einmal sagen können: „Jetzt steige ich mal aus und mache Pause. Jetzt mach ich mal das Handy aus. Ich will jetzt mal nichts mehr wissen und gebe mir mal drei Stunden die volle Dröhnung. Ich will mich jetzt einfach mal wegträumen. Dann beschäftige ich mich wieder mit den Themen der Gegenwart.“ Das ist auch eine Funktion des Theaters, die aber sehr verpönt ist, immer noch, die aber, so wie ich finde, gerade heute, sehr, sehr wichtig ist – die muss man sehr ernst nehmen. Das heißt also, was du eingangs beschrieben hast, wenn diese Art, Theater zu machen, Standard ist, dann haben wir keine Ruhezone in unserem Alltag und auch das Theater kann so ein Ort sein. Diese Funktion hat gerade das Kino im Moment. Wenn man da die Beschreibung durchliest, dann weiß man, was man kriegt, das sollte das Theater – wenn auch nicht immer – auch können. Gerade das Musical hat da eine wichtige Funktion und das ist gerade der ehrliche Teil an diesem Genre. Das Musical will meistens nicht mehr sein als es ist. Es ist eben manchmal reine Unterhaltung und Show, man will, dass die Zuschauer sich gut fühlen für kurze Zeit. Es braucht also eine Waage zwischen den verschiedenen Herangehensweisen Theater zu machen und diese sollten möglichst verschieden sein und möglichst immer wieder etwas Neues entdecken.

Sollte so auch ein Spielplan aussehen?
Der Gemischtwarenladen innerhalb eines Hauses ist nicht gut, da man eben nicht die Spezialisten bekommt. So sollte jedes Haus seine Richtung entwickeln, man kann es nie allen recht machen. Pluralistisch gesehen sollte Theater nicht auf der Hausebene gesehen werden, aber im Makrokosmos des Theaters.

Was wäre dein Ratschlag für junge Künstler?
Nicht stur sein. Nicht den Tunnelblick einschalten – das wäre ganz schlecht. Mut zur Persönlichkeit, zum eigenen Ich ist ganz wichtig. Die Einstellung: „Das ist mein Weg. Das habe ich studiert. Das will ich und das mach ich. Alles was hier oder da ist, das existiert nicht in meiner Welt“, das ist tödlich. Da bekommt man keine Chance und keine Jobs. Man sollte offen sein und ausprobieren und dann aber auch ehrlich mit sich selbst sein, wenn man etwas probiert hat und es dann anschließend nicht präferiert. Man sollte sich in der Kunst aber auf keinen Fall verbiegen, um einen Job zu bekommen. Die Versuchung ist immer da. Ich hatte selbst bis vor kurzem keine Arbeit und da macht man sich Gedanken, sich überall vorzustellen, sich die Haare abzuschneiden oder wachsen zu lassen (lacht). Aber es bringt nichts, wenn man sich verstellt. Also Mut zur eigenen Person, sich nicht einebnen und eingleichen lassen, aber bleibt offen und probiert euch aus.

Nikolaus ist fast wie Weihnachten

Du bist ein Tausendsassa. Hast dich neben deiner Tätigkeit als Musical- und Operndarsteller auch in Heilbronn beim renommierten Weihnachtscircus, in der Rolle des Conférenciers, als feste Instanz etabliert. Wie kamst du eigentlich zum Zirkus und was ist das Besondere daran?
(schmunzelt) Also dazu kam ich eigentlich wie Maria zum Jesuskind. Als ich hier zum Zirkus kam war ich noch gar kein ausgebildeter Sänger. Das war ganz am Anfang, da war der Weihnachtscircus noch ganz klein und vorne im Foyer wurde ein Nikolaus gebraucht. Es ist hier relativ schwierig jemand zu finden, der nicht einfach den Wattebart anhängt und leidenschaftslos übergestikuliert. Bei uns aber in der Schweiz, gerade in der Region Zürich, wo ich ursprünglich herkomme, da ist Nikolaus eine ganz große Tradition – das hat einen ähnlichen Stellenwert wie Weihnachten. Es gibt eigentlich fast in jedem Ort und in den größeren Städten richtige Nikolausgesellschaften. Da besucht man wirklich dann die Familien, die das buchen können, man singt mit den Kindern, bringt kleine Geschenke und spricht mit den Familienmitgliedern. Ich mache das in dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, schon seit ich sechzehn bin und noch immer. Ich bin inzwischen der Dorfnikolaus in diesem Ort geworden und weil ich das mache, hat ein Schweizer, der damals im Weihnachtscircus die Gastronomie betreut hat, zur Direktion gesagt, dass er jemanden aus der Schweiz für diese Funktion heraussucht. Der kannte mich, weil er Jahre vorher bei meinem Vater in der Handelsschule war und hat angerufen bei uns. Ich habe dann zugesagt, was relativ idiotisch war, weil ich vor dem Weihnachtscircus die schriftlichen Abitursprüfungen hatte und anschließend die mündlichen Prüfungen. So bin ich dann mit der Literaturkiste angereist und hab zwischen Lernen, Nikolaus und Colaverkauf hin und her jongliert. Das habe ich dreimal gemacht und als dann ein Werbesprecher gebraucht wurde, weil der eigentliche Moderator das nicht machen wollte – damals wurde die Werbung noch live gesprochen und nicht schon im Studio vorproduziert so wie heute – habe ich das übernommen und dabei wohl überzeugt. (lacht) Als Schweizer hatte mir das niemand zuvor zugetraut – weil ich ja kein Deutsch sprechen konnte (lacht wieder) – im zweiten Jahr habe ich als Nikolaus noch im Opening in der Manege gestanden und musste zu Beginn auf Vollplayback, das hatte vorher jemand eingesprochen, einen Text nachmimen. 2003 habe ich dann die Funktion komplett übernommen und bin immer noch dabei. Das Besondere ist einerseits, dass man mit dem Betrieb so mitwachsen konnte. Nicht nur war ich damals noch hölzern und unerfahren, sondern auch der Zirkus drum herum war noch sehr bescheiden und das hat sich jetzt in den letzten zehn bzw. fünfzehn Jahren zu einer hochprofessionellen Show entwickelt. Das betrifft auch Licht, Ton und Orchester und so weiter. Und auch ich bin im Laufe des dann beginnenden Studiums und den folgenden Engagements gereift und „gewachsen“. Es sind auch im Zirkus noch immer die gleichen Leute und das ist toll, bei so einer Entwicklung dabei zu sein. Mir selber hat das alles sehr viel gebracht. Es ist eine besondere Form der Darstellung. Man muss ein ganzes Rund bespielen, es ist unruhig und es gilt, eine spezielle Art der Präsenz zu entwickeln. Am Anfang war ich zu wenig präsent, dann macht man zu viel weil man die Leute kriegen will, darunter leidet dann das Timing. Das habe ich im Zirkus gelernt und das bringt mir für die Bühne ganz viel. Das verstehen viele Kollegen nicht, die diese Arbeit belächeln.

In welcher Form belächeln?
Ach, schon im Studium wurde gesagt: „Ja, wenn du halt wieder im Dezember auf den Kinderspielplatz gehen musst, dann mach es halt, wenn du meinst.“ Auch in den Häusern musste ich jedes Mal um diese Zeit kämpfen. Aber da sage ich schon lange nichts mehr dazu. Auch ein Zirkus kommt ohne Subventionen aus und was die an Werbung und Öffentlichkeitsarbeit machen um präsent zu sein, nicht nur der Weihnachtscircus, auch Dinnershows , da können sich Theater eine dicke Scheibe davon abschneiden. Von mir als Darsteller verlangt der Weihnachtscircus auch doppelt so viel ab. Ich entwickele eine spezielle Form der Ausdauer. Der Rhythmus von zwei bis drei Shows am Tag, die an die drei Stunden dauern. Es ist kalt, es zieht, es ist staubig und dann hast du noch Pferdemist im Schuh. All das unter sehr schwierigen Bedingungen, in einem Gebilde aus Stangen und Planen, bei Minusgraden draußen. Da ist man im Theater sehr verwöhnt und da könnte jeder einmal etwas lernen, vor allem Bescheidenheit und zwischenmenschliche Werte im Umgang mit Menschen.

„Keep smiling“

 In der Manege bist du der Showmaster und im echten Leben?
(schmunzelt) Im echten Leben natürlich nicht immer, das wäre ja furchtbar. Ich kann auch privat mal der Showmaster sein und auf einer Party eine Geschichte erzählen. Aber auch der Moderator in der Manege ist eine Rolle, auch wenn ich das unter meinem eigenen Namen mache. Es ist alles immer fröhlich, überzeichnet und cool. Das ist natürlich alles eine Rolle die mir Spaß macht, da steckt auch logisch viel von mir selbst drinnen – sonst wäre sie sehr künstlich und unglaubwürdig – aber es ist und bleibt letztlich auch eine Kunstfigur. Sonst wäre ich privat ja auch nicht zum Aushalten. Die Show ist immer temperamentvoll, energetisch und gutgelaunt, aber hinten passieren natürlich auch einmal Schicksalsschläge oder man hat einen Streit und man muss halt rausgehen und „Keep smiling!“. Das habe ich auch im Zirkus gelernt. Egal was ist, wenn du im Rampenlicht stehst musst du fokussiert sein und deinen Job immer auf demselben Niveau abliefern.