Anarchie und Alkohol – Die Kassierer im Beatpol

 

„Sex mit dem Sozialarbeiter“, „Blumenkohl am Pillemann“ oder „Ich töte meinen Nachbarn und verprügel seine Leiche.“ diese Songs haben Generationen von jungen Menschen geprägt. Egal ob im hippen Circus Halli Galli Studio oder in kleinen bayrischen Dörfern, wer diese Band nicht kennt, hat nie nachts um drei Faxe Dosenbier an der Tankstelle gekauft:

 

Deutschlands größte Schwanzpunkband, die Legenden aus Wattenscheid, die einzigen, die unglaublichen, die mächtigen Kassierer.

 

Am vergangen Samstag hatten alle, die bisher nicht die Ehre hatten dieses Unikat des Ruhrpotts zu sehen endlich die Chance

 

Doch egal ob treuer Fans oder Ersthörer, alle mussten sich gedulden. Denn die Dresdner Band Al gore hatte die schwierige und undankbare Aufgabe, als Vorband, den Anheizer für die Ruhrpottpunker zu geben.

 

Erfahrene Personaler würden den vier Dresdnern dabei eine sichtliche Bemühung bescheinigen. Auch wenn Gitarrist Locke und Sänger Inge Kotmischer wirklich alles gaben, um die Show am Laufen zu halten, so konnte dies nicht über die erheblichen Defizite der Band hinwegtäuschen.

Man darf bei einer Punkband vielleicht keine zu hohen musikalischen Ansprüche stellen, doch Al Gore schafft auch diese zu unterschreiten. Ein Gitarrenspiel, das man einfach nur als stumpf bezeichnen kann, kombiniert mit Drums von der Platte, dem ungroovigsten Bass seit der Erfindung dieses Instruments und einem einfach absolut unverständlichen Gesang schafften einen Klangwust, der Nichtmal Abiballabschlusskonzertniveau erreicht.

Die Ansagen ließen zwar erahnen, dass Lieder wie „Legoland ist abgebrannt“ bestimmt ein humorige Note haben, hören konnte man es definitiv nicht.

Gegen 22:00 war das Elend endlich zu Ende und das Publikum bekam das, wofür es eigentlich da war.

Mit Wagners Ritt der Walküren betraten die Musiker die Bühne. Sänger Wolfgang Wendland ging am Stock, laut Eigenaussage war er erst vor ein paar Tagen besoffen die Treppe runtergefallen und leide noch an den Verletzungen des Sturzes. Doch körperliche Leiden konnten ihn nicht stoppen. Im Nu war Wölfi oben ohne, hatte das erste Bier in der Rechten und grölte die erste Strophe von „Besoffen“ ins Mikro und mit ihm der gesamte Saal. Es folgte ein Abend voller Klassiker: Sex mit dem Sozialarbeiter, Arsch abwischen, kein Geld für Bier. Neu Songs wie, Ich fick dich durch die ganze Wohnung, waren dagegen eher Mangelware und das aus gutem Grund. Die Kassierer, wie alle alternden Rock- oder Punkbands, leiden an der Zeit, aber nicht körperlich. Wendland und Konsorten würden wahrscheinlich noch mit Beipass und Tropf auf der Bühne stehen, es sind die neuen Songs. Egal wie viel Pissen, Ficken und Fotzen man in sie packt, sie können einfach nicht mit der Energie und Asozialität der alten Saufhymnen mithalten.

Ein zeitloser Genuss war die Band an diesem Abend trotzdem, auch abseits der Musik. Die vier Altpunker bestechen mit einer astreinen Bühnenperformance und beeindrucken mit einer, für Punkbands, außerordentlichen Instrumentalvirtuosität, Sänger Wolfgang Wendland mal ausgenommen. Dafür leitete dieser mit einem Charme durch den Abend, den man sonst nur von englischen Gentlemen kennt. Immer bereit für zynische Gesellschaftskritik oder Wahlwerbung für DIE PARTEI. Doch das Niveau sollte sich nicht zu sehr erheben, dafür sorgte der Rest der Band. Was mit unterdimensional schlechter Standup-comedy von Bassist Mitch Maestro begann, endete mit dem Kopf von Schlagzeuger Volker Kampfgarten im Anus des Gitarristen Nikolaj Sonnenscheiße.

Die Kassierer in Dresden, kein Abend der Hochkultur, kein Abend der Liebe, aber dafür mit vielen Momenten, die man nie vergessen wird, egal ob man will oder nicht.

Text: Robert Sittner