„Das große Heft“ von Ágota Kristóf im Staatschauspiel Dresden

– auf der Bühne? Eigentlich unvorstellbar! Ein Roman über die Kindheit eines Zwillingspaars in Zeiten des Krieges, das von ihrer Mutter zur Großmutter aufs Land geschickt wird und dort weitgehend auf sich selbst gestellt unter dem Einfluss von Hunger, Demütigungen und Gewalt aufwächst. Um selbst zu überleben, beginnen die Brüder, sich unter Aufgabe aller bislang gültigen Moralvorstellungen sowohl körperlich als auch seelisch selbst abzuhärten und sich über sämtliche gesellschaftliche Tabus hinwegzusetzen.

Die ersten Töne treffen das Publikum wie Schläge, von denen sich niemand mehr erholen wird, und reißen es mit in einen Strudel aus Fassungslosigkeit und Faszination.

Das Bühnenbild ist schlicht, bestehend aus zwei schrägen, sich drehenden und umeinander herumfahrenden Plattformen, auf denen sich die Darsteller entgegen der Fahrrichtung bewegen, um auf der Stelle zu bleiben. Unablässig laufend bewegen sie sich in verschiedenen Kombinationen auf dieser Bühne. Die Schauspieler sind alle in schwarz gekleidet und rezitieren ihren Text monoton und immer mit denselben Emotionen. Nur selten gibt es Abweichungen bei Tempo, Betonung und Lautstärke. Oftmals scheint die Aggressivität, mit der gesprochen wird, nicht passend. Es ist schwer, sich dieser vermeintlichen Schlichtheit des Stückes anzupassen, aber die Hoffnung auf eine Veränderung, eine Entwicklung, auf etwas Neues, der man sich in der ersten halben Stunde noch hingibt, schwindet nach und nach und weicht schließlich Resignation. Man hat letztlich gar keine andere Wahl, als sich der Inszenierung anzupassen, sich vollkommen auf sie einzulassen, sich ihr zu ergeben – oder aufzugeben und das Theater in der Pause zu verlassen. Letztere Möglichkeit wählte bei der Premiere so mancher – und so war der Saal nach der Pause deutlich leerer. Aber natürlich dürften nicht zuletzt auch sowohl die Unerträglichkeit der Handlung, die in der thematisierten Kindheit der beiden Protagonisten zwischen Hunger, Vergewaltigung, Mord und Tod keinen Albtraum auslässt, als auch die Unerträglichkeit der Lautstärke der Instrumente ihren Anteil an diesen Fluchtbewegungen haben. Bass und Schlagwerk hämmern das Trauma mitleidlos mit brutalem Rhythmus und Lärm in das Gedächtnis der Zuschauer.

Im finalen Teil des Stückes stehen alle 16 Darsteller in zwei Gruppen auf den beiden Plattformen der Bühne. Der nun folgende Dialog ist einer der dramatischsten Szenen der Inszenierung. Die Rollenverteilung zwischen den Personen und Gruppen variiert. Die beiden Lager brüllen sich den Text gegenseitig förmlich entgegen. Danach flaut die Dramatik wieder ab.

Zurück bleibt eine deprimierende Moral und die Frage, ob der von Gewalt und Gewaltbereitschaft geprägte Inhalt von Ágota Kristófs Roman derzeit das Richtige ist für Dresdens Ohren. Angesichts von Pegida, zunehmender Fremdenfeindlichkeit und der jüngsten Neonazi-Demonstrationen anlässlich des Gedenkens an den 13. Februar 1945 sind Textzeile wie „Man muss töten können, wenn´s nötig ist“ einfach nur unerträglich. Zugleich aber ereilt einen auch ein Gefühl des Respekts gegenüber den Schauspielern und Mitwirkenden des Stückes, die sich mit diesem so unglaublich verstörenden Meisterwerk von Ágota Kristóf so intensiv auseinandersetzen mussten – und auch weiterhin müssen.

Text von: Leah Strobel

Bilder: Sebastian Hoppe