Aus dem Leben einer Appia-Bühne

Während des Festivals „Rekonstruktion der Zukunft“ (17.10.-11.11.2017) im Festspielhaus HELLERAU stand in den letzten Wochen eines im Mittelpunkt: die Bühne. Die Rekonstruktion der historischen Appia-Bühne zog tausende Besucher aus der ganzen Welt in die Gartenstadt.

In der Presse wurde sie oft als Protagonist des Festivals bezeichnet, doch was wäre, wenn sich diese Bühne äußern könnte? Welche Geschichten hätte sie zu erzählen?

Eine Personifikation auf die Spitze getrieben.
© Appias Bühnenbildentwurf  // Grafik: pleasantnet

Dies ist die Geschichte meiner Heimkehr.

Geboren wurde ich 1912 aus dem Zusammentreffen zweier Männer – Adolphe Appia und Emile-Jaques Dalcroze in der damaligen Rhytmiktanzschule in Hellerau, am Rande von Dresden.

Anfangs war ich nur ein Gedanke. Ein kleiner Funke im Kopfe meines Vaters. Der Wunsch das Theater zu einem realen Ereignis zu machen, das man erleben konnte, statt zu einer Illusion, der man sich hingab.

Zuerst kam ich als Zeichnung auf die Welt, Graphit auf großen schweren Papierbögen. 1912 dann wuchs ich zu meiner eigentlichen Größe heran und mein Vater nistete mich im großen Saal der Rhythmiktanzschule Hellerau ein und nannte mich „Rhythmischen Raum“. Ich war nicht wie all die anderen Bühnen damals, ich war nicht reich verziert, nicht vollgestellt mit Tischen, Stühlen, unechten Bäumen, pompös gekleideten Darstellern, war nicht umrahmt von Stuck oder von einem Vorhang verdeckt. Überhaupt war ich gar nicht von den Menschen getrennt, die kamen um mich zu betrachten. Sobald sie mich betraten und sich auf ihre Plätzen begaben, wurden sie ein Teil von mir und allen Geschehnissen auf mir.

Viele Menschen damals fanden mich befremdlich, seltsam und ungewöhnlich – es gab die verschiedensten Reaktionen auf mich. Ich war zu weiß, zu rein, zu abstrakt, zu minimalistisch – all diese Vorwürfe musste ich mir anhören. Das alles hat mich aber wenig gestört, da ich die ganze Zeit wusste, dass ich ins richtige Licht gesetzt wurde. Alexander von Salzmann sorgte dafür, dass ich nicht einzelnen Scheinwerfern und Leuchten geblendet wurde. Durch sein Licht konnte man mich schattenfrei in meiner Gänze erkennen, ohne dunkle unbeleuchtete Ecken, in denen die Darsteller bei Bedarf verschwinden konnten.

Hinzu kommt noch, dass ich extrem wandelbar war. All meine Glieder und Elemente ließen sich neu anordnen.

© Stephan Floß

Nachdem meine Geburt solch ein Aufsehen erregt hatte, verschwand ich nach 1912 von der Bildfläche. Keiner weiß genau, was damals mit mir geschehen ist. Doch wer glaubt, dass meine Geschichte damit endet, der hat sich gewaltig geirrt.

Ich lebte weiter. Viele Spielstätten brachten Bühnen nach meinem Vorbild auf die Welt. Jahr für Jahr verstrich und ich lebte weiter. In den Universitäten wurde von mir und meinem Vater berichtet, die Schauspielhäuser inszenierten nach meinem Abbild, die moderne Theaterwelt sprach von mir und immer wieder von mir und von den Menschen, die damals kamen um mich zu sehen – Rilke, Kafka, Van de Velde, Mann.

Schließlich als alle tot waren, die mich jemals mit eigenen Augen erblickt hatten, als ich nur noch in den Köpfen der Menschen, in widersprüchlichen Berichten und auf schwammigen Fotos und natürlich den Zeichnungen meines Vater existierte, beschloss meine Geburtsstätte mir neues Leben einzuhauchen. Die alte Rhythmiktanzschule, in deren Laboratorium der Moderne ich erdacht und ausgeklügelt worden war, war nun nach hundert Jahren zu einem Zentrum der Künste geworden. Dort wurde ich 2017 zu neuem Leben erweckt. „Rekonstruktion der Zukunft“ nannten sie meine Wiedergeburt und die Menschen kamen aus der ganzen Welt um mich zu sehen.

Mein weiteres Schicksal ist ungewiss.

© Elisa Kneisel, 2017

 

Ein Artikel von Elisa Kneisel

Fotos: Stephan Floß, Elisa Kneisel

„Kill your … !“ im Festspielhaus Hellerau

Um 20 Uhr ist die Empfangshalle des Festspielhaus Hellerau gefüllt mit Kunstinteressierten, allesamt gespannt auf die bevorstehende Performance „Kill your … !“ der Choreografen Cindy Hammer, Joseph Hernandez, Anna Till und Johanna Roggan, die in ihrem Stück auch tanzen werden. Schon der Titel regt zum Nachdenken an: Was soll gekillt werden? Weshalb? Und was hat diese Aufforderung mit dem Leitgedanken des Spielplans im Oktober 2017, „Rekonstruktion der Zukunft-Raum-Licht-Bewegung-Utopie“, zu tun?

Die Performance  beginnt mit einer Ansprache ans Publikum durch zwei der Choreographen. Nach kurzer Wartezeit betritt man dann von der Seite aus den großen Saal des Festspielhaus Hellerau, und landet inmitten der weißen Elemente der Rekonstruktion von Adolphe Appias Bühne. Die Besucher bekommen die Chance, diese Bühne zu erkunden, zwischen den einzelnen Teilen hindurchzulaufen und die Tänzer, die bereits erste Bewegungsabläufe vorführen, aus nächster Nähe zu betrachten. Dann plötzlich ein Lichtsignal und die damit verbundene Aufforderung an die Besucher, sich auf die Tribüne zu begeben, um den Performern die Bühne zu überlassen.

Bei dezenter musikalischer Begleitung beginnen die Tänzer nun, gemeinsam die gesamte Bühne mit in ihre Performance einzubeziehen. Den Zuschauern gleich erkunden sie die Ecken und Kanten der Appia-Bühne, verschwinden zwischen den einzelnen Elementen, tauchen an anderer Stelle wieder auf. Sie führen sowohl synchrone als auch individuelle Bewegungen auf, immer im Bezug aufeinander. Mehrfach fällt einer der vier zu Boden und wird von den anderen „geweckt“.  Dann plötzlich holt Anna Till ein Mikrofon hervor und beginnt auf ironische Art, mit dem Charme eines Touristenführers, den Zuschauern auf den Tribünen die Bühne vorzustellen, ihre Geschichte, ihre Maße. Nüchtern, frei von träumerischen Interpretationsansätzen stellt sie Appias Werk dem Publikum vor. Währenddessen führen Cindy Hammer und Joseph Hernandez eine Partnerperformance auf, Johanna Roggan verschwindet derweil  vollkommen hinter der Bühne. Zum Ende hin wird sogar eine Art Probe auf der Bühne dargestellt, die ihre Krönung darin findet, dass Anna Till und Joseph Hernandez auf einmal mitten in der Choreografie abbrechen und anfangen miteinander Bewegungsabläufe zu besprechen, so als würden sie das Stück noch üben.

Die Aufführung zeigt den Besuchern die Bühne auf die verschiedensten Weisen, mit blanken Zahlen, Farben, Licht. Mal sieht man eine Landschaft, mal ein futuristisches Bauwerk, mal Flächen, mal Körper. Der Betrachter wird mit einbezogen, wird dazu angeregt diese Bühne komplett, jedes einzelne Element, zu erkunden. Sogar die uns bekannten Dimensionen werden aufgebrochen, indem Johanna Roggan auf dem Boden liegt, auf den Seitenflächen der weißen Blöcke „entlangläuft“, wodurch auf einmal eine vollkommen neue Sichtweise der Bühne beim Zuschauer entsteht.

Das Besondere an allen Aufführungen auf dieser Bühne ist, dass man als Besucher von jedem Punkt der Tribüne aus ein anderes Stück sieht, andere geometrische Formen entstehen, man andere Anteile der Performance erblickt. Um „Kill your … !“ vollständig zu erleben, müsste man eigentlich mindestens dreimal in die Aufführung gehen und sich jedes Mal an unterschiedliche Stellen der Tribüne setzen. Da diese Performance aber auch nicht langweilig wird, würde man dies gerne tun – leider steht sie nur zweimal auf dem Spielplan.

Text von Paul und Titus Thiele

Foto: Stephan Floss

Inarow – Festival der go plastic company im Festspielhaus Hellerau.

Männer vor Hintergründen. Bilder, Fotografien. Ein nackter Körper flimmert über alte Röhrenfernseher, formt Posen aus historischen Gemälden  und wird in zahlreichen Spiegeln reflektiert. Es laufen Kurzfilme und Notizen und Zeichnungen aus den Planungsphasen verschiedener Aufführungen liegen zwischen Fotos und Einzelteilen einer Barbie. Ruhe. Es ist Freitag 18:30 Uhr, das Festspielhaus gähnt. Nur wenige Gäste durchstöbern die kleinen Ausstellungen der Assoziierten Künstler der go plastic company in den sonst selten frequentierten Räumlichkeiten des Ost und West Flügels. Es ist das Rahmenprogramm des Inarow Festivals, später am Abend wird es noch Performances und eine Hauptveranstaltung geben, doch noch obsiegt die Ruhe.

Assoziierte Künstler der go plastic company, das sind Freunde und Bekannte der freien Tanzszene aus dem Dunstkreis um Cindy Hammer und Susan Schubert welche seit 2012 gemeinsam die künstlerische Leitung der Company übernehmen. Seit dem Frühling 2016 zählen sie selbst zu den assoziierten Künstler*Innen in Hellerau und genossen so eine gewisse Narrenfreiheit für ihre Inszenierungen, was, wie Susan mir sagte: „großartig ist um den Dresdnern zu zeigen was alles so möglich ist“. Sie freut sich über die Ehre in diesem wunderbaren Haus und auf seiner riesigen Spielwiese agieren zu dürfen. Assoziierte Künstler – das klingt ein wenig nach Vettern Wirtschaft, doch so ist das in der freien Szene – Vernetzung ist wichtig, national und international. So kommen viele verschiedene Künstler aus den unterschiedlichsten Bereichen der darstellenden Künste zusammen und schaffen so den Facettenreichtum von dem go plastic lebt. Zeitgenössisch und urban wollen sie sein, sagen Cindy und Susan in einem Interview, sie seien geprägt von Architektur, Film und MTV.

Die Fühler weit über die Landesgrenzen zu verteilen, macht das gemeinsame Arbeiten zu einer Herausforderung. Manche der Künstler*Innen leben nicht einmal in Europa. Es mussten Methoden entwickelt werden weit voneinander entfernt gemeinsam an etwas zu arbeiten. Denn alle an einen Ort zu bringen ist ein enormer Verwaltungsaufwand und macht einen Großteil der Arbeit von Cindy und Susan aus. Trotz der kollektivartigen Strukturen obliegt ihnen noch die Leitung. Die Ideen entstehen zu meist in ihren Köpfen und werden dann recht bald an den engeren Kreis getragen. Die Ideen werfen Fragen auf und diese Fragen werden verarbeitet zu Interviews, zu Fragebögen. Meist existiert bereits eine Vorstellung der Wunsch Besetzung und so werden die Fragen verteilt, sowohl an die Darsteller*Innen, als auch an das Team und enge Freunde. Die gegebenen Antworten führen zum Diskurs und so wird erstes Material generiert. Was nun als Text, Assoziation, Gedankenfetzen oder Gespräch vorliegt wird zu ersten Improvisations-Aufgaben weiter verarbeitet und mit den Tänzern in Bewegungen verwandelt. Teils geben Susan und Cindy nur einen Rahmen vor, welchen die Tänzer*Innen frei füllen können, teils haben sie konkrete Vorstellungen und erst wenn diese übernommen sind vergeben die Tänzer*innen eine persönliche Note.

Am heutigen Abend werde ich eine Mixtur aus den drei bislang auf diese Weise entstandenen Stücken sehen. Doch zunächst schweife ich weiter durch die Ausstellungen des Rahmenprogramms. Die Wände der oberen Gänge in Ost und Westflügel zieren Portraits sämtlicher am Festival beteiligter Künstler, sowie Bilder von Aufführungen und aus dem Probenprozess. Da ich bald schon einen Blick in jeden Raum geworfen habe lasse ich mich draußen auf der Treppe des mächtigen Gebäudes nieder, wo die Projektoren auf Dunkelheit warten um die Fassade mit Zebrastreifen zu mustern. Ich schaue den Menschen beim Rauchen zu und habe das Gefühl fast ausschließlich von der Dresdner Tanz- und Theaterwelt umgeben zu sein. Und dann ist da noch dieser Typ. In Badeanzug samt Kappe und Taucherbrille steht er in einem Turm aus Autoreifen und vollführt Schwimmbewegungen. Hin und wieder taucht er ab. Über dem riesigen Strahler, welcher ihn durch eine gelbe Folie hindurch beleuchtet, sehe ich das Flimmern der Hitze.

Pailletten auf Rollschuhen geistern zwischen Friz- Limo und Apple Endgeräten herum durch das sich füllende Foyer. 20 Uhr. Eine kurze Ansprache samt Erinnerung an das erste Stück von Cindy in Hellerau. Damals vor immerhin 7 Jahren noch frische Palucca Absolventin besetzt sie heute das gesamte Haus. Applaus. Das Publikum wird zweigeteilt in eine grüne und eine gelbe Gruppe. Fehlende Aufkleber sorgen für Verwirrung, aber alles läuft zum Ende. „Ist das orange?“ Der Zwiespalt schlicht den Raumgrößen geschuldet. Nun beginnt der Versuch 3 Stücke zu verbinden. Inarow. Wie auf einem Flugfeld werden wir in Position gewiesen: „Stay close“

Die drei Stücke haben je ein Filmgenre zum Vorbild und setzen sich mit dessen Klischees und Machtbildern auseinander werde ich später erfahren. Für mich bestehen zunächst nur Körper, Licht Bewegung und Techno. Sowie sprachliche Wiederholungen und der Typ mit der Nazi Attitüde, der zwischen den beiden Räumen wechselt. Im Krimi ist er eine Art herrschender Zuhälter und im Western ein Feind den es zu vertreiben gilt. Nach blinkenden Stöckelschuhen und einigen Runden Skateboard fahren ist der Stamm noch nicht zerhackt als sich die Türen öffnen, die beiden Räume verbinden und Wasser verteilt wird. „share me“. Nun suchen wir uns Plätze im großen Saal. Der weite Bühnenraum gefüllt mit einigen geometrischen Figuren und Emporen. Sci-Fi.

Foto: Klaus Gigga

Viele Darsteller vollführen eine präzise Choreographie so weit im Raum verteilt, dass sich das Auge entscheiden muss, welcher Geschichte es nun folgt. Dazu zahlreiche Projektionen in allen Bühnen Bereichen. Trotz klarer Strukturen eine visuelle Überforderung. Neon Röhren trennen einen schmalen vorderen Bereich vom Rest der Bühne. Hier befindet sich eine Art zweite Ebene in welcher an einem Schreibtisch eine Darstellerin und ein Darsteller eine Art Machtspiel vollführen, ihre Rollen tauschen und bis in alle Ewigkeit Zahlen in die Schreibmaschine tippen. Wieder Techno. Um was es hier geht das darf den Künstlern nach jeder selbst entscheiden. Nicht verstehen gibt es nicht. Der Gesamt Eindruck zählt und der ist ziemlich überwältigend. Am Ende ein Monolog mit dem Rat eine Entscheidung zu treffen zwischen Nehmen und Geben. Langer Applaus. Im Foyer warten zwei Musiker am Rücken verbunden. Der eine beugt sich nach vorn und hebt somit den Anderen, auf seinem Höhepunkt zupft dieser eine Seite der elektrischen Gitarre. Ich muss nach draußen. Zu viel Pathos steckte in diesem letzten Text und doch war er berührend. Besonders die Emotionen der vortragenden Tänzerin waren mitreißend – noch beim verbeugen rang sie mit den Tränen, war ergriffen und mitgenommen von dem selbst erschaffenen Zustand – beeindruckend.


Jetzt ist mehr los im Haus. Tanz und Performance. An allen Ecken ist etwas los. Menschen in regen Gesprächen. Ein historisches Tanzerbe wird gefeiert und durch die zwischenzeitliche Stille im Raum entsteht trotz einfacher Bewegungen eine gefasste Spannung. Anderswo: Zwei Männer, mal bekleidet, mal nackt, werfen, reiben, pressen ihre schwitzenden Körper an mit Kohlestaub überzogene weiße Wände. Schemenhaft verbleiben weiß, grau ihre Abdrücke und sie selbst werden immer schwärzer. Action Noir. Fotografieren erwünscht – sendet die entstandenen Bilder an…
Während dessen wird weiter unten getanzt, gespielt, gesungen und geschrien. Ein Liebespaar vollführt Kunststücke zwischen totaler Gelassenheit und intensiven Gefühlsausbrüchen. Artistisch, klangvoll, witzig, berührend.
Während die Türen am Haupteingang Stück für Stück verschlossen werden wird weiter hinten noch getanzt. Tanzende Tänzer ein fröhlicher Anblick, doch ich bin müde und fahre nach Haus. Der Weg mit dem Fahrrad ist noch weit und diese Zeilen wollen geschrieben werden. Morgen werde ich wieder kommen, gespannt was mich erwartet.

Text und Fotos: Vinzenz Buhl

Pressefotos Hellerau: Klaus Gigga

Kulturgeflüster kuratiert im September

Jeden Monat stellen wir euch unsere Highlights in der Kulturlandschaft Dresden vor. Dieses Video ist auf dem Redaktionstreffen im Alaunpark entstanden.

Klick dich durch zu unseren Kultur Tipps

2. September: Floor on fire in Hellerau

6. September: Lesung Firas Alshater im Kulturpalast

8. und 9. September: Festival in a row im Festspielhaus Hellerau

9. September Power Flower und Radiophon im Sachsenkeller Meissen

Homepage von Power Flower 

Radiophon

10. September: Balkan Beats – Musik aus Osteuropa in der Martin Luther Kirche

21. – 24. September: Theaterfestival Wildwechsel im theater junge generation 

27. September: Voodoo Jürgen im Beatpol

29. September: Chuckamuck im Ostpol

 

 

Extinction of a Minor Species – Dresden Frankfurt Dance Company in Hellerau

Die Dresden Frankfurt Dance Company ist wieder zu Gast. Nach der Uraufführung in Frankfurt läuft das Stück „Extinction of a Minor Species“ nun im Europäischen Haus der Künste – Dresden Hellerau. Noch bis zum 5. Juni gibt es Aufführungen zu sehen. Wir waren da und erzählen von unseren Eindrücken (4 Minuten)

Der Hörbeitrag mit Pressefotos von Dominik Mentzos (DFDC):

Text und Produktion: Meike Krauß

Fotos: Dominik Mentzos (Press Photos DFDC)

Mordende Blumenkinder im Festspielhaus Hellerau – „The Manson Family” von John Moran

Ja, jeder kennt sie: Die Faszination des Grauens. Vielleicht ist deswegen die Besucherschlange an der Abendkasse so lang? Einst ein erfolgloser, US-amerikanischer Musiker, hat Charles Manson letztendlich Kultstatus erlangt. Künstler tragen seinen Namen und singen über ihn. Filme stellen das Leben und die mörderischen Taten von Manson und seiner (hauptsächlich weiblichen) Anhänger dar. Ebenso die Oper „The Manson Family”, deren Neufassung im Festspielhaus Hellerau gezeigt wurde.

Die Beatles als apokalyptische Reiter

Im August 1969 tötete die Manson Family sieben Menschen der High Society auf brutale Weise, unter anderem Roman Polanskis Frau Sharon Tate. Anlass dazu gab Mansons eigensinnige, auf Rassismus beruhende Interpretation des Beatles-Songs „Helter Skelter” – zu Deutsch Holterdipolter. Seine apokalyptische Vorstellung: Der Beginn eines Rassenkrieges zwischen Afroamerikanern und Weißen im Jahr 1969 und der Genozid an Schwarzen sowie Weißen der reichen Oberschicht. Unfreiwillig symbolisierten die Beatles so die apokalyptischen Reiter der rassistischen Mordserie der Sekte.

Massenmedien treffen auf Massenmorde

Noch nicht mal am Platz angekommen, sticht dieser riesige, überdimensionale Röhrenfernseher ins Auge. Treppen führen links und rechts an ihm empor, so dass auf dem Apparat eine weitere Bühne entsteht. Direkt hinter dieser Bühne hängt eine weiße Leinwand. Ein Stuhl, wie er auch in einem Gerichtssaal stehen könnte, befindet sich rechts vor dem Fernsehgerät. Massenmedien treffen auf Massenmorde.

 

Im Switchmodus durch den Theaterabend

Die Oper beginnt und nimmt die Zuschauer mit auf eine kurzweilige Reise durch Fragmente der Populärkultur der 1960er Jahre. Ein Theaterbesuch wie ein Fernsehabend im Switchmodus. Über die Leinwand sind wir auf einem Highway unterwegs, auf der TV-Bühne spielt Manson-Mitglied Leslie Van Houten auf ihrer Violine einstimmig zum Hintergrundsound, Sirenen flackern über die Leinwand und durch die Zuschauerränge, im TV wird durch das Programm gezappt – von einer Rede Martin Luther Kings zu einer Musikshow zu Knetfiguren, zurück zu Martin Luther King, weiter zu einem Western, dann ein bisschen Zeichentrick, zurück zur Musikshow, wieder zu Martin Luther King. Staatsanwalt Vincent Bugliosi führt in direkter Publikumsansprache beinahe ausnahmslos auf Englisch (so wie der Prozess auch im Original war) durch’s Programm – Moment, natürlich durch die Anklage. „ I just opened the cases and look what I release.“ Es folgt die Veröffentlichung begangener Morde der Manson Family und deren Hintergründe (Akt 1), Einblick in die labilen Persönlichkeiten der Mitglieder Susan Atkins, Lynette Alice Fromme sowie Charles Manson (Akt 2) und Ausschnitte aus den abschließenden Gerichtsverhandlungen (Akt 3).

Psychedelischer Wahnwitz

In den Kostümen und der schauspielerischen Leistung spiegelt sich der Wahnwitz wieder. Ein Kontrast zwischen tanzenden Menschen in Hippie-Klamotten und rasenden Gestalten in Gefängniskluft. Die fanatischen Sektenmitglieder werden dargestellt durch John Moran (Charles Manson), der das Stück zugleich inszeniert hat, Inez Schaefer (Lynette Alice Fromme), Constanze Friedel (Leslie Van Houten), Jule Oeft (Susan Atkins). Tobias Herzz Hallbauer spielt den Anwalt Vincent Bugliosi. Zusammen verkörpern sie mit Bass, Leadgitarre, Zweitgitarre sowie imaginärem Schlagzeug zudem die Beatles.
Auch wenn alle Schauspieler mit ihren Darbietungen überzeugen können, ist in diesem Zusammenhang insbesondere Jule Oeft hervorzuheben. Ihre Darstellung im blutigen Kleid lässt keinen Zweifel an einer psychischen Störung von Susan Atkins. Durch die immergleiche Wiederholung von einzelnen Szenen intensiviert sich dieser Eindruck. Es ist wie das Zurückspulen und Abspielen einer Filmszene, an der sich der sensationsgierige Zuschauer nicht sattsehen kann. Die Schauspieler verschmelzen mit ihren Rollen. Sie passen ihre Bewegungen und Kostüme sogar an die Originale der Manson Family an, welche zeitgleich in den Dokumentationsausschnitten zu sehen sind. Die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion verwischt. Schade ist, dass Leslie Van Houten-Darstellerin Constanze Friedel etwas untergeht, da sie nur am Rande erscheint. Welche Rolle spielt sie? Manson Family-Mitglied Leslie oder Livemusikerin Constanze?

 

Treibende Stimmung

Passend zu diesem ganzen Wahnsinn, gibt die Kombination aus Licht, Musik und Sound ein gutes Zusammenspiel ab. Die Live-Geigenmusik ist gut auf die Hintergrundmusik abgestimmt. Die Bässe sind voll und einnehmend, dazu Stroboskoplicht und klarer, engelsgleicher Gesang. Irrsinn trifft auf Schönheit. Eine unheimliche, agressive und treibende Stimmung entsteht. Auf der Leinwand bunte Muster und Farben – ein Zustand der Trance und des Drogenrausches.

Popkultur der 1960er

Geschickt wurden Elemente der Popkultur der 1960er Jahre sowohl intertextuell als auch transmedial in die Inszenierung aufgenommen. Zum einen wurden musikalische Referenzen zu den Beatles integriert, was sich inhaltlich zweifellos auf Mansons Verehrung der Band bezieht, jedoch ebenfalls als transmediale Verknüpfung zu neuartigen Phänomenen wie der Beatlemania, Boygroups, Massenkonzerten, Liveübertragungen, Starrummel, allgemeiner Sensationslust, aber auch der damals gegenwärtigen rebellischen Jugendkultur verstanden werden kann. Andere Medienkanäle der Zeit (TV, Radio, Zeitung) sind somit indirekt präsent.
Weitaus offensichtlichere Transmedialität spiegelt sich im Originalfilmmaterial wider, das über den Röhrenfernseher flackert. Löste das Fernsehen in den 1960ern, als TV-Geräte für jedermann erschwinglich wurden, doch das Radio als führendes Unterhaltungsmedium ab. Auch wenn Gleichzeitigkeit im Zeitalter des Internets eine andere Bedeutung zuzuordnen ist, so wurden soziokulturelle Ereignisse durch das Fernsehen erstmals bildlich erlebbar – eine neue Form des Dabeiseins, Miterlebens, Mitfieberns war geboren.
Zum anderen wurde eher unterschwellig der Bezug zur High Society hergestellt, gegenüber welcher Manson Wut empfand. Ausschnitte aus „The Jet Set“, einer TV-Doku über den Alltag an Bord eines Jets sowie Jule Oeft als Sicherheitsanweisungen gebende Stewardess sollen den glamourösen Lifestyle der Schönen und Reichen präsentieren. Flugreisen galten in den 1960ern als Inbegriff für kosmopolite Freiheit sowie Unbeschwertheit – ein Konsumgut, welches insbesondere von Starlets sowie Industrieerben genutzt wurde, welche wiederum die Massenmedien als Bühne ihrer Selbstinszenierung in Beschlag nahmen.

Fazit

Insgesamt kann „The Manson Family” als anspruchsvoll aufgebaute Darbietung mit einem hohen Maß an kreativer Experimentierfreude bezeichnet werden. Hintergrundinformationen zum Manson-Prozess sind auf jeden Fall hilfreich, wenn man mit der Thematik nicht vertraut ist.
Die Macht der Medien, reale und fiktive Elemente miteinander zu kreuzen, und die Sensationsgier der Zuschauer nach Extremen zu stillen, wird vielschichtig inszeniert. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Aufführung nicht einfach so zur Seite zu legen, sondern diese Trennlinien zwischen Fakt und Fiktion rückwirkend zu hinterfragen.
So fällt auch die Verbeugung der Schauspieler ungewöhnlich verhalten aus. Stecken sie noch in ihren Rollen, sind sie sich der Schwelle bewusst, haben sie gerade nur gespielt oder ist Moran der neue Manson, der Züchter einer neuen Sekte? Einer Theatersekte, die gerade noch auf der Hellerauer Bühne probt und im nächsten Augenblick schon mitten in unserem Alltag agiert?

 

Text von Birte Gemperlein und Gina Kauffeldt
Fotos von André Wirsing

Tanzworkshop mit Joel & Ulysse von der Dresden Frankfurt Dance Company

Bon Iver, David Bowie, James Blake und Iggy Pop laufen im großen Saal des Festspielhauses Hellerau. Wir öffnen die Augen und lassen das Licht in uns, bewegen uns im Liegen in den Boden hinein und bewegen uns vor allem nach unseren Gefühlen, manchmal bewegt der Körper aber auch uns – wie das geht, haben wir von zwei Tänzern gelernt.

Die Workshopleiter

Joel und Ulysse geben jedem Teilnehmer des Tanzworkshops am 03. Dezember die Hand und stellen sich vor. Sie werden erst am Ende sagen, dass dies das erste Mal sei dass sie so etwas leiten, aufgefallen jedenfalls ist es keinem. Es sind nur 10 Teilnehmer, zwei Kinder unter ihnen, und die Hälfte ohne jegliche Tanzerfahrung. Englisch? Ulysse kommt aus Frankreich, wo er an der Ballettschule der Opéra national de Paris eine klassische Ausbildung erhielt, bis er 2014 nach Deutschland kam, um seine Ausbildung im zeitgenössischen Tanz zu fortzuführen. Joel, der wohl auffallendste unter den sehr charakteristischen Tänzern der Dresden Frankfurt Dance Company, kommt aus Australien, er sagt auf Deutsch, er könne nur ein bisschen Deutsch. Wir lachen zögerlich. Wie soll man sich Tänzern gegenüber verhalten?

Seinen Körper spüren

Wir gingen also auf die Tanzfläche, ein Kreis wurde gebildet. Hinlegen. Atmen. Spürt euren Körper, wie er reagiert. „Now move your legs.“ Schritt für Schritt bewegten wir jeden Teil unseres Körpers, „And now 10 seconds losing controll, okay? Just as much as you can, 10, 9, 8, …“ , was nach Spaß klingt, war ebenso Entspannung. Nach dem Liegen gingen wir in die „Doggy Position“, bewegten unsere Schultern, brachen zusammen, wiegten nach Hinten, Hüfte. Wir lösten unsere Hände vom Boden, und so kamen wir letztendlich nach und nach zum stehen- nach einem langen Prozess der eigenen Körperwahrnehmung. Man könnte es mit der Evolution vergleichen; wir fühlten uns gut.

 

Nachdem wir uns allein bewegt hatten, bestand die nächste Übung darin, die Tanzbewegungen eines Tanzpartners nachzuahmen- dabei übernahm nicht einer die Führung, sondern es entstand wie selbstverständlich eine gemeinsam ausgeführte Bewegungsabfolge, ohne sich abzusprechen, wann was passiert. Zugegeben, anfangs war viel Lachen dabei, immerhin öffnete man sich nun mit einer Person. Joel und Ulysse gaben dann Anweisung, sich nicht mehr nachzuahmen sondern sich nur noch voneinander inspirieren zu lassen. Mittlerweile tanzten wir alle verteilt auf der ganzen Bühnenfläche, als Joel sagt, wir sollen nun irgendjemand im Raum nachahmen. Und das taten wir. Stellenweise machten wir alle dieselbe Bewegung, wenn einer jemanden nachmachte, der ebenfalls schon jemanden nachahmte… es war ein Spiel, welches jedoch auch eine Ästhetik beinhaltete.

Zappeln, Klopfen und improvisieren

Danach fanden wir uns wieder in einem Kreis zusammen, lockerten noch einmal unseren Körper, bevor wir mit einer weiteren Übung zu zweit jeweils tanzen- oder zappelten: einer „klopfte“ sanft über den Körper des anderen, der sich nach Schnelligkeit und Heftigkeit des Klopfens bewegte. Eine Übung, die besonders den zwei Kindern gefallen hat.  Bevor wir den Höhepunkt des Workshops erreichten, sollte noch einmal jeder sagen, was ihm besonders gefallen hatte und was nicht. All die verschiedenen Bewegungen, die wir die letzte Stunde aktiviert hatten, sollten wir nun in einer zehn-minütigen Improvisationsperformance zeigen und kombinieren. Wir verteilten uns auf der Bühne, manche starteten liegend, manche stehend. Man versuchte, seinen Körper die Musik malen zu lassen, aber auch irgendwie in Zusammenspiel mit den anderen. Wie wir gelernt haben, ließen wir uns von unseren „Kollegen“ inspirieren, manchmal ahmten wir auch nach. Wie das wohl für Außenstehende gewirkt haben soll? Wie ein großes Durcheinander oder doch gewollt, künstlerisch, modern und schön? Während wir tanzten, stellte sich wohl keiner diese Frage, dafür haben uns Ulysse und Joel vorher schon in ein befreites Selbstbewusstsein geführt.

Eine kurze Abschlussrunde, alle sagen, dass es toll war. Befreiend, dass sie etwas gelernt haben. Sei es nun die Selbstwahrnehmung oder die Fähigkeit, mit anderen zu tanzen, nicht nur für sich allein. Jemand sagt, es wäre ein guter Yoga Ersatz, zweimal die Woche diesen Workshop und man sei ausgeglichen.  Die beiden fühlen sich geschmeichelt, sagen, sie haben auch etwas von uns gelernt und sich inspirieren lassen. Dass sie an einem Workshop Konzept arbeiten wollen.

Ein paar Tänzer der Dresden Frankfurt Dance Company kommen auf die Bühne und wärmen sich für das Training auf, während sich ein paar der Workshopteilnehmer noch Musiktipps von Ulysse und Joel geben lassen. Wie man sich Tänzern gegenüber verhalten soll? Die beiden haben sich das wohl auch gefragt: wie sollen wir uns nicht-Tänzern gegenüber verhalten? Während dieses Workshops sind wir alle gleich geworden, egal welchen Beruf wir hatten- und am Ende sind wir doch alle nur Menschen, die eines wollen: glücklich sein!

Merci beaucoup pour ce workshop!

Text von Bianca Kloß
Fotos von Sabrina Spurzem

Titelfoto: dresdenfrankfurtdancecompany.com

FRAGILAND – Tanzperformance in Hellerau beim Festival „Shifting Realities“

Interkulturelle Tanzperformance von Jacobs, Koné, Manjate, Till – 2017

Vier ineinander verschlungene Tänzer stehen im Spot. Leicht wiegend, mit den Gesichtern einander zugewandt. Zwei Frauen. Zwei Männer. Zwei Weiße. Zwei Schwarze. Leicht tänzelnd. Vertieft. Intim. Im Einklang. Doch es dauert nicht lang und aus dieser scheinbar harmonischen Nähe und Verbundenheit wird unausgewogene Distanz. Als würde das Quartett noch versuchen das Ungleichgewicht in seinen Ursprungszustand wieder zurückzuholen, beginnen die Tänzer zu klammern, zu zerren. Es wird unruhig auf der Bühne. Ein Knäul. Ein Handgemenge. Bis sich eine Tänzerin komplett von der Gruppe lösen kann. Sie greift zum Mikrofon und richtet sich direkt an das Publikum. Im Reporterstil will sie die unruhige Situation entschlüsseln. „Here we can see three different characters. One of them feels uncomfortable.“ Es ist der weiße Mann. Was ist los mit ihm? Sie zeigt Körpereinsatz, möchte Antworten auf ihre Fragen. „He’s stressed“, erklärt die schwarze Tänzerin hektisch. Weiteres Zerren und Stoßen. Die Reporterin stürzt. Sie interpretiert das Verhalten des weißen Mannes anders: „He’s afraid.“ Willkommen in Fragiland, einer afrikanisch-europäischen Tanzperformance, die im Rahmen des zweijährigen tänzerischen Austauschprojekts „Shifting Realities“ produziert wurde.

Partnerprojekt zwischen Dresden, Düsseldorf und Toubab Dialaw (Senegal)

Das Projekt, das in Kooperation zwischen HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, dem tanzhaus nrw Düsseldorf und dem senegalesischen Tanzzentrum  École des Sables Toubab Dialaw entstanden ist, wird von der Bundeskulturstiftung im Rahmen des Turn-Programms gefördert. „Shifting Realities“ ermöglicht künstlerischen Austausch zwischen europäischen und afrikanischen Tänzern sowie Choreografen. Die jeweils andere Tanzkultur mit ihren individuellen Produktionskontexten und Ästhetiken wird so hautnah erlebt, um abseits von einseitigen Realitätskonstrukten verbindende, interkulturelle, zeitgenössische Tanzperformances zu realisieren.

Zerreißprobe des interkulturellen Dialogs

Interkultureller Austausch findet oft einseitig statt. Das wird auch den Zuschauern von Fragiland vermittelt. „We are facing a group of almost white people to enter into a dialogue about race“, so die weiße Reporterin. Ein interaktiver, physischer Dialog ist somit notwendig. Stress kann zu einem intensiven Dialog gehören, Angst und insbesondere Zerbrechlichkeit, wie der Titel Fragiland bereits suggeriert.
Jason Jacobs aus den USA, Souleymane Ladji Koné aus Burkina Faso, Kátia Manjate aus Mosambik und Anna Till aus Deutschland lassen Gefühle in all ihren Facetten zu, um in Fragiland einander zu verstehen, sich selbst zu erklären, einander misszuverstehen, voneinander zu lernen und vor allem gemeinsam, bis zum Äußersten zu gehen und zusammen von der Zerreißprobe des interkulturellen Dialogs zu erzählen.

 

Mal gelingt eine Annäherung über Dominanz, in dem die Weißen den Schwarzen diktieren, was zu tun ist. Mal können die Schwarzen die Weißen zum Nachtanzen anleiten. Harmonie trifft auf Dominanz. Stärke auf Zerbrechlichkeit. Energiegeladene Freude auf ernsthaftige Vergangenheitsbewältigung. Gesprochene Sprache auf feinfühlige Körperlichkeit.

Echos, Vibrationen und Verzerrung

Das Sounddesign ist an diese tänzerischen Wechsel und Bewegungsstile angepasst. Mal wird mit vollem körperlichen Bodenkontakt getanz, mal leicht schwebend durch die Luft. Echos und Stimmenverzerrung, Klänge, Vibrationen, Bässe. Harmonisch pulsierende Melodien gehen über in hektisch zuckende. Mal unterstützt die Musik die Bewegungen. Mal distanziert sie sich vom Bühnengeschehen, was zu einem faszinierenden Kontrast führt.

Gemeinsam zu einem Miteinander

Schließlich präsentiert die Performance dem Zuschauer die Verschmelzung der verschiedenen Tanzformen. Es wird nicht vorgetanzt, nachgetanzt oder weggetanzt, es wird miteinander auf einer Augenhöhe getanzt. Auf dem Weg zu dieser Verschmelzung haben die Tänzer angefangen sich zu entkleiden.

 

Während die schwarze Tänzerin ihr Kleid ausgezogen hat, tragen die restlichen drei TänzerInnen ihre Hosen wie Fußfesseln um ihre Knöchel. Doch die Fesseln der postkolonialen Zwänge und Clichés hindern sie nicht daran, gemeinsam zu tanzen und zu verstehen.

„I am over.“

Das Quartett tanzt ausgelassen miteinander. Zu viert und zu zweit im Wechsel. Dann greift die schwarze Tänzerin zu einem Stiefel, platziert ihn auf ihrem Kopf und beginnt zu tanzen und zu erzählen. Die ganze Zeit balanciert sie den Stiefel, der als Sinnbild für Unterdrückung und Last steht. Einige Szenen zuvor hat sie auf die Frage „Where are you from?“ bereits mit „War.“ geantwortet. Nun greift sie die Thematik erneut auf: „I am over because I lost my feet. I lost my legs during the war. […] I am over, because I lost the war. I lost my country. I lost my president. I lost my identity during the war. I lost my father. I lost my friends during the war. […] My country lost my feet, lost my dancemovement. I am lost. My dress lost my dance. My dance lost my identity. I am over.“ So wechselt die Performance wieder einmal aus ihrer soeben noch dargebotenen kollaborativen Unbeschwertheit in die individuelle Zerbrechlichkeit. Die Suche nach Identität, ein Gefühl der Entwurzelung durch koloniale sowie postkoloniale  Machtausübungen. Tanz versteht sich so auch als Abschütteln von Unterdrückung, Fremdbestimmung, Vormundschaft und  Ausdruck von Freiheit und Identität.

Zurück zum zerrenden, klammernden, stoßenden Knäul

 

 

Wurde die Tänzerin gerade noch harmonisch von ihren Mittänzern begleitet, so finden die drei nach ihrer Darbietung zum zerrenden, klammernden, stoßenden Knäul der Eingangsszene zurück. Die schwarze Tänzerin ergreift nun das Mikro: „Here we can see three different characters. One of them feels uncomfortable.“ Diesmal ist es der schwarze Tänzer. Sie möchte herausbekommen, was mit ihm los ist. Diesmal antwortet niemand. Dann wird es immer turbulenter. Arme greifen nacheinander, die Reporterin wird in das Gemenge hineingezogen. Arme schlagen um sich. Dann ein Schrei. Ein Echo. Die Scheinwerfer gehen aus. Ende. Die Vorführung ist zu Ende. Doch der kollaborative Austausch wird weitergehen. Die Tänzer haben sich wieder zusammengefunden, nachdem sie eine weitere Etappe des Austauschs durchgemacht haben. Der Dialog geht weiter. Im Dunkel der Scheinwerfer. Außerhalb des Tanzsaals. In den Köpfen der Zuschauer. Und hoffentlich im interkulturellen Dialog, auch abseits von Tanzpfaden.

Noch bis zum 11.02.2017 können Zuschauer in HELLERAU an verschiedensten tänzerischen Dialogen zwischen Afrika und Europa teilhaben. Mehr Infos unter

www.hellerau.org/shifting-realities

Text von: Birte Gemperlein
Fotos: © Stephan Floß – hellerau.org/presse/fotos/fragiland

Derevo – Der letzte Clown auf Erden

Gespielt von Anton Adasinskiy, auf der Bühne allein in einer Mischung aus Performance, Tanz, Theater und Pantomime, doch unterstützt durch Makhina Dzhuraeva und Aleksei Popow als Außenwelt. Das Publikum Teil des Stücks, die Bühne groß und leer, wenig Requisite, der Fokus liegt auf dem Darsteller. Auf Sprache wird weitgehend verzichtet allenfalls mal eine Mischung aus Russisch und Kauderwelsch wenn er im Publikum nach Kippen fragt.

Die Sonne explodiert

Er beginnt als ein Ausgestoßener, ein Penner. In Lumpen gehüllt beobachtet er die Explosion der Sonne. Piu Piu. Um Ihre Teile wieder einzusammeln geht er den Weg durch die vierte unsichtbare Wand zwischen Publikum und Schauspieler. Die Bilder sind simpel, nicht zu verkopft, nicht zu viel Ablenkung, aber stark in der Aussage.  So muss er erst seine Lumpen ablegen, ehe er die Bühne betreten darf. Zurück bleibt unter dem Kostüm nur der Mensch, Anton, frierend. Die Wand wird durchschritten und das Stück nimmt seinen Lauf.

Traumhafte Komik zu kosmischen Klängen lässt mich zwischendrein ganz und gar die Umgebung verlieren und obgleich ich wahrnehme was auf der Bühne geschieht sind meine Gedanken tief in mir beschäftigt. Mit viel Witz, aber auch einer ordentlichen Portion Wahrheit schafft es der Mensch auf der Bühne uns daran zu erinnern, dass das Leben – so unergründlich seine Wege und Ziele auch sein mögen, alles ist was wir haben. Also mögen wir es kosten sei es nun süß oder sauer.

Nicht aufgeben!

Ein Clown sagt mehr als tausend Worte. Der letzte Clown auf Erden – einer von uns. Tief gefallen, herum geschubst, aber doch voll innerer Heiterkeit. Er gibt nicht auf und rät uns das Selbe zu tun.

Auf der Bühne sehen wir Tanz und Pantomime, er wechselt die Rollen und spielt mit sich selbst als zwei verschiedene Figuren, dann wieder rennt er weiter den ewigen Weg entlang an dessen Rand sich kleine und große Geschichten sammeln.

Jeder wird andere Aspekte des Lebens in diesem Stück für sich wieder finden,  anders interpretieren, anders fühlen. Doch die Stimmung, ja das, was dieses romantische Theater, wie Anton es auf der Pressekonferenz im Vorfeld selbst nennt, mit dem Betrachter macht, wird für alle sehr intensiv sein. Denn es geht um nichts Geringeres als das Leben, in all seinen Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Das endlose, freie Leben. Der Künstler Anton ist der Meinung, dass die Menschen ins Theater kommen, um Wunder zu sehen, die es in der Realität nicht gibt. Er erlebt auf der Bühne das, was so eigentlich nicht existiert. In der heutigen Welt in der Religionskonflike, Krieg und Blutvergießen noch viel furchtbarer geworden sind als etwa vor zehn Jahren fehlt es oft an einem – am Lachen. Der Clown mit der roten Nase ist also eine Philosophie: „Solange der Mensch lacht, macht er nichts schlechtes, solange er lacht, ist er gut.“

Die letzte Zigarette vor der Selbstentzündung auf der Flucht vor dem Teufel. Das Stück ein Auszug aus dem Leben in seiner rohen Wahrheit. Das Ende so offen wie die Zukunft. Erst nach Minuten stehen langsam Menschen auf. Das Publikum verlässt gefesselt den Saal.

Puppentheater und Pantomime – „Harlekin” von Derevo

Der erste Gong ist bereits erklungen. Ein Puppenspieler läuft aufgeregt durch das Foyer und ruft die Besucher zusammen. Auf dem Weg in den Großen Saal komme ich an einem Flohmarkt vorbei. Hier werden Kostüme und Requisiten vergangener Vorstellungen vom Derevo Tanztheater Dresden-St. Petersburg angeboten. Die Stücke scheinen begehrt zu sein. Viel liegt nämlich nicht mehr auf den Tischen.

Ein Äffchen und ein Mini- Fahrrad

Eine große Platzauswahl habe ich nicht mehr, denn der Saal ist voll. Unter den Zuschauern
befinden sich viele Kinder, einige haben selbstgebastelte Masken auf. Kein Wunder, schließlich soll das Stück „Harlekin” von Derevo für Familien geeignet sein.harlekin

Künstlerischer Leiter ist Anton Adasinskiy. Selbiger ist auf der Bühne zu sehen, ebenso wie Elena Yarovaya und Makhina Dzhuraeva. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte des unglücklich verliebten Harlekins, dessen Leben trotzdem weitergehen muss.

Zu Beginn der Vorstellung macht der Puppenspieler ein paar Späße mit dem Publikum und sorgt somit für eine lustige Theateratmosphäre. Das Bühnenbild besteht aus einem Vorhang und Flickenstoff. Dies, sowie Handpuppen, ein Äffchen auf einem Mini-Fahrrad, ein Stoffkrokodil oder eine Schaukel erinnern an Kasperletheater und Wanderzirkus.

Herzschmerz

 

Es wird mit Mandoline, Tamburin und Drehorgel gespielt. Doch diese verspielte Musik wechselt sich mit fast düsteren Klängen ab, gerade wenn der Harlekin von seinem Leid geplagt wird. Dieser Wechsel stellt den Kontrast zwischen der äußerlich unbeschwerten Theaterwelt und den wahren Gefühlen des Harlekins gut dar. In den kummervollen Momenten verändert sich auch die Lichtstimmung. Sie wirkt kalt und man kann den Herzschmerz des Harlekins spüren. (Im wahrsten Sinne des Wortes, denn er reißt es sich aus seiner Brust).harlekin2

„Was machen die da?”

Die Kostüme sind zwar einfach, aber puppenhaft und somit eine treffende Wahl. Karomuster, Mütze und Bommeln sind charakteristisch für die Kleidung alter Puppen und der Harlekinfigur. Die Schminke verschmiert, passend zum alten ärmlichen, aber bezaubernden Theater. Geradezu niedlich sind die marionettenhaften Bewegungen. Handlungen zwischen den Charakteren wirken besonders ausdrucksstark, da sie aus einer Mischung von Tanz und Pantomime dargestellt werden. Gerade das führt zu vielen Lachern und Schmunzeln im Publikum. Die fehlende Sprache sorgt aber auch manchmal für Unklarheiten. Vor allem jüngere Zuschauer fragen öfters: „Was machen die da?”. Trotzdem kann man der Gesamthandlung auch ohne Worte gut folgen.

 

In „Harlekin” geht es um eine Liebesgeschichte, die aber kein klassisches Happy End hat. Die Besucher schauen hinter die Fassade des immer lustigen Gauklers und Gauners, sowie hinter die Kulissen des immer fröhlichen Puppentheaters. Dies macht „Harlekin” zu etwas Besonderem. Groß und Klein haben trotzdem Spaß an den verspielten Requisiten, Gesten, Schattenspielen und der allgemein liebevollen Art des Stückes. Außerdem dürfte Eines die jungen Besucher besonders gefreut haben: Nach der Aufführung durften sie selbst mit den Requisiten spielen.

Text von Gina Kauffeldt
Foto: hellerau.org/pressefotos Copyright © E. YAROVAYA, Copyright © R. Ekimow