Der gute Mensch von Sezuan im Staatschauspiel Dresden

Noch mit voller Saalbeleuchtung erscheint Anton Petzold als Wasserträger auf der Bühne. Die Zuschauer*innen verstummen und bei den ersten, geradezu göttlichen Harmonien des Kammerchors von den obersten Rängen der Tribünen dreht sich so mancher Kopf suchend blickend nach hinten um. Gänsehaut überkommt einen, bei dieser musikalischen Kraft.

„Der gute Mensch von Sezuan“ war von Brecht selbst ursprünglich in einer fünfstündigen Fassung gedacht, nach einigen Abänderungen, Optimierungen und mehreren Versionen jedoch auf zwei Stunden gekürzt.

Besorgte Götter sind auf der Suche nach einem guten Menschen, der ihnen beweist, dass deren Schöpfung kein Fehler war. Dabei lernen sie Shen Te kennen, eine Prostituierte, die sie für ihre Güte belohnen. Mit den göttlichen Geldern versucht sie sich eine Existenz aufzubauen. Doch sofort kommen viele alte Bekannte und bitten um Hilfe. Shen Te versucht zunächst allen zu helfen, bis sie merkt, dass sie so alles verliert, da ihr, dank ihrer Güte und ihrem Mitleid gegenüber anderen, selbst nichts mehr bleibt. Um sich gegen die Ausbeutung zu wehren, verwandelt sie sich in ihren ausgedachten Vetter Shui  Ta, der skrupellos seine kapitalistischen Interessen durchsetzt. Zu Beginn scheint ihr Plan aufzugehen, sie kann das Gleichgewicht halten, dann verliebt sie sich jedoch in den stellungslosen Flieger Yang Sun, wird wieder ausgenutzt und ihr Hass wird immer größer als der Wille zu teilen und Gutes zu tun. Das Stück entwickelt sich hin zu einem grandiosen moralischen Drama: kann man Menschen so einfach in gut und böse Charaktere einteilen? Warum schreiten die Götter nicht ein, sind sie nur stille Beobachter, die der Entwicklung einer Misstrauensgesellschaft zu sehen? Das moralische Dilemma Shen Te’s zerreißt nicht nur deren Charakter, sondern regt auch die Zuschauer*innen dazu an, darüber nachzudenken, was „gut sein“, „gut leben“ oder „gut handeln“ eigentlich bedeutet. Kann ein Mensch von Grund auf gut sein oder nur durch seine Handlungen anderen gegenüber Gutes entfalten?

 

Ungewohnt oft ist das Licht im Staatschauspiel an und man fühlt sich als Publikum präsenter und kann sich nicht so gut verstecken. Betty Freudenberg als Shen Tsu und Shui Ta zeigte eine herausragende Leistung, die sich sowohl im Körper als auch im Gesicht wiedergefunden hat. Der Abend war spannend und erzählte so viel. Als wenn man eine ganze Staffel Serie an einem Tag durchgesehen hat. Ein paar Episoden wurden übersprungen, was jedoch durch Lichteffekte und musikalische Einwürfe wie Regengeplätscher oder auch die gesungene Kommunikationsform der Götter wieder wett gemacht wurde.

Mitdenken ist angesagt bei diesen Stück. Man muss bei Handlungssprüngen mitkommen. Und den Schluss sollte man sich auch noch selber denken. Nachdem die Götter, aka der Chor nach und nach den Rang verlassen, protestiert und schreit Betty Freudenberg: „Das ist doch kein Schluss!“ und doch geht der Vorhang zu. Brecht selbst lässt am Ende dieser Fabel offene Fragen stehen und das Staatsschauspiel entlässt die Zuschauer*innen mit einer neuen Aufgabe in die Nacht: „Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter sein…“

 

Beim Verbeugen steht ein großes Ensemble auf der Bühne. Manche Charaktere hätte es eventuell rückblickend nicht unbedingt gebraucht, haben diese doch nicht wirklich Einfluss auf den Handlungsstrang gehabt, sondern die Geschichte nur unnötig in die Länge gezogen. Stattdessen hätte man bei einzelnen Charakteren, wie beispielsweise dem wunderbar verkörperten Wasserträger, mehr in die Tiefe gehen können.

Letztlich ist „der gute Mensch von Sezuan“ jedoch ein spannendes Stück, welches durch die schauspielerischen Leistungen und der musischen, wie szenografischen Umsetzung beeindruckt und einen unterhaltsamen Abend mit Fragen der Moral bietet.

Text von: Barbara Staudenmaier und Meike Krauß

Fotos: Sebastian Hoppe