„Open Grounds“ der Dresden Frankfurt Dance Company im Festspielhaus Hellerau

Am Mittwoch, dem 29.11., fand im Festspielhaus Hellerau eine Premiere der ganz besonderen Art statt. Die Dresden Frankfurt Dance Company besann sich an diesem Abend weder auf das Erbe Forsythes, noch auf die neue richtungsweisende Direktion Jacopo Godanis. Die Tänzer und Tänzerinnen der Kompanie bekamen in „Open Grounds“ die Chance, eigene Visionen und Choreographien auf die Bühne zu bringen.

Dabei ging es nicht um Perfektion oder künstlerische Brillanz, sondern einfach um das befreiende Gefühl gerade einem Menschen dabei zu zusehen, wie er genau das auf der Bühne darstellt, was er möchte. Die Tänzer und Tänzerinnen konnten für diesen Abend aus dem Schatten der Choreographien anderer heraustreten und verschwanden nicht hinter vorgegebenen Tanzschritten oder Konzepten. So strotzte jede einzelne Performance nur so vor Individualität und der Persönlichkeit des jeweiligen Tänzers/Choreographen.

Besonders hervorstechend waren die Interpretationsvielfalt und der große assoziative Spielraum, den die sieben höchst unterschiedlichen Performances boten. Im Folgenden präsentieren Luisa Trobisch und ich, Elli Kneisel, unsere ganz persönlichen Interpretationen zu „Open Grounds“ – ohne vorher Titel oder Beschreibung der Stücke gekannt zu haben. Manches erscheint vielleicht weithergeholt oder überinterpretiert, aber dies sind ganz authentisch und unbearbeitet die Assoziationen, die unser Hirn an diesem Abend hervorbrachte.

1 WHOLE von Daphne Fernberger

Elli                          Die erste Performance hat für mich das Risiko, aber auch die Wandelbarkeit von menschlichen Beziehungen thematisiert. Vor allem die Verletzlichkeit aber gleichzeitig auch Stärke, die es mit sich bringt, sich einem Menschen völlig hinzugeben. Die sanften Bewegungen, die immer wieder ineinander verschmolzen aber dann wieder auseinander drifteten, haben für mich das Auf und Ab der inneren Gefühlswelt verbildlicht. Denn die menschlichen Emotionen sind nicht linear, sondern unterstehen ständiger Veränderung.

Lui                          Der Spot richtet sich auf zwei bunt gekleidete Tänzer. Wie Tentakel bewegen sich ihre Arme, die sich um den Körper des Anderen wickeln. Beide Tänzer sind das Sinnbild für Leben. Der Tanz wird zum Ausdruck für die verrückten und plötzlichen Geschehnisse, die sich im Leben eines Jeden verbergen.

Abendzettel      „[…] Wie können wir eins und dennoch zwei und dennoch viele sein […]? Zuhören, folgen, fragen und jene Tradition der Veränderung akzeptieren, die in der großen Natur der Welt wie in all ihren Versionen kleinerer Maßstab immer anwesend ist! In der wilden Natur kann man beobachten und bewundern, wie eng verwoben Mutter Naturs unterschiedliche Systemelemente sind.“

 

2 ARE_U von Felix Berning

Elli                          Das Thema dieser Choreografie ist Einsamkeit. Die Videosequenzen zeigen einen vereinsamten gequälten Menschen – immer wieder vor dem Spiegel stehend und gezwungen sich sich selbst und den eigenen Abgründen zu stellen. Auch auf der Bühne scheint der Tänzer, eingesperrt in einem hellen Lichtkegel, einen ewigen zermürbenden Kampf mit der eigenen Psyche auszutragen. Wie ein Alter Ego betritt eine zweite Tänzerin die Bühne, doch die Einsamkeit wird dadurch nicht aufgelöst. Beide führen ihre Bewegungen in perfekter Synchronität aus – fast wie ein Spiegelbild. Die Interaktion beider wird hektischer, immer wieder tauschen sie nervöse Blicke aus und versuchen den anderen abzuschütteln. Kann man sich selbst entkommen?

Lui                          Dunkelheit. Nur der Tänzer in der Mitte der Bühne wird vom Scheinwerferlicht in helles Licht getaucht. Dazu schaurige Klaviermusik, welche ich mit der Musik eines Horrorfilmes assoziiere. Der Tanz beginnt. Durch die erdrückende Dunkelheit, die den Tänzer umgibt, vermittelt mir das Stück einen Ausdruck der Einsamkeit.  Der zweite Tänzer, der auf der Bühne erscheint, tanzt nun synchron zum anderen Tänzer. Der Tänzer schaut in seiner Einsamkeit in eine Art Spiegel und sieht nur sich selbst.

Abendzettel      „Moralische Zerrissenheit mag in vielen Köpfen omnipräsent sein, jedoch ist festzustellen, dass die heutige Gesellschaft beinahe darauf konditioniert ist, Unsicherheit, Scheitern, Trauer […] zu verstecken oder gar zu unterdrücken. Die Menschen bilden sich ein, man sei hinter einer Fassade von Unnahbarkeit und Souveränität sicher. Hier geht es um […] emotionale Sicherheit, also Schutz vor Angriffen der Persönlichkeit. […] Bedeutet eine Mauer aus falschem Selbstbewusstsein und Emotionslosigkeit jedoch wirklich Sicherheit?

 

3 DUALITY OF BOTH von Claudia Philips

Elli                          Dieses Stück thematisiert für mich die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Mutter Natur liegt in einer Waldlandschaft verletzt am Boden und versucht sich vergeblich immer wieder aufzurappeln. Die beiden anderen Tänzer tragen jedoch eigene Konflikte untereinander aus und würdigen die am Boden liegende reglose Natur keines Blickes. Im Hintergrund sind immer wieder verzerrtes Vogelgezwitscher, brechende knarzende Eisschollen und dumpfe Unterwassergeräusche zu hören.

Lui                          Verzweigte Schatten zieren nun den Bühnenboden. Ein Mann steht und eine Frau sitzt auf der Bühne. Spinnenähnlich beginnt die Frau sich zu bewegen. Ein weiterer Tänzer erscheint auf der Bühne. Die Frau beginnt den einen, dann den anderen, zu umwerben. Beide Männer kämpfen miteinander. Am Ende steht für mich ganz klar fest: Es geht um Beziehungen. Liebesbeziehungen. Betrügen und den Kampf der Männer die Frau für sich zu gewinnen.

Abendzettel      „Im Lauf unserer Reise hier auf Erden begegnen wir allerhand Hindernissen, die wir selbst erschaffen, um uns zu befreien. Die schöne Dualität von beidem.“

 

4 CHEMICAL CREATURES von David Leonidas Thiel


Elli                          Diese verstörende elektronische Welt spiegelt für mich die Gefahren unseres digitalen Zeitalters wieder. Genau wie die Masken der Tänzer kann sich heutzutage jeder zahlreiche virtuelle Identitäten zulegen, die wenig mit der Realität gemein haben. Eine eintönige fast schon bedrohliche Bassline und eine mechanische unangenehme Klangwelt beschwören eine geistlose unmenschliche Atmosphäre herauf, in der verborgen und getäuscht wird und menschliche Emotionen durch glatte unbewegte weiße Masken ersetzt werden.

Lui                          Szenenwechsel. Ein Tänzer kauert auf dem Boden. In seinem Gesicht: Eine Maske. Der Tänzer beginnt sich zu hochfrequenter und übersteuerter Musik zu bewegen. Hier erinnert die Inszenierung an einen Horrorfilm. Dieser Tanz stellt für mich die neue virtuelle Welt dar. Jeder existiert in dieser Welt, aber dann irgendwie auch doch nicht. Jeder trägt (eine oder mehrere) Masken. Es gibt kein erkennbares „Ich“. Wer oder was ist Wirklichkeit?

Abendzettel      „Wir nehmen unsere Wirklichkeit durch rein chemische und elektromagnetische Impulse im menschlichen Gehirn wahr und verlassen uns auf die Komplexität dieser millionenfachen Reaktionen und Prozesse. Was wäre, wenn die Vorgänge nicht stattfinden würden?“

 

5 #TWOWITHTHREE von Anne Jung

Elli                          Die fünfte Performance handelt meiner Meinung nach von der Dekonstruktion traditioneller Beziehungsgefüge. Auf der Bühne waren klassische Symbole romantischer Liebe dargestellt, wie z.B. Rosenblätter, der nackte Körper in Form von hautfarbenen Kostümen und Klaviermusik. Doch statt einer Zweierbeziehung war ein Dreiergefüge zu sehen, das gut harmonierte und ausbalanciert war – Bewegungen flossen ineinander, mal dominierte der eine, mal hielt sich der andere zurück, mal bewegten sich alle drei gemeinsam im Einklang.

Lui                          Blumenblätter schmücken die Bühne. Die Bühne ist in Ihre verschiedenen Ebenen eingeteilt, auf welche sich nun drei Tänzer bewegen. Die Tänzerin allein, der Mann und die Frau, ein weiterer Mann und die Frau, beide Männer. Ich denke, es werden noch einmal Beziehungen thematisiert. Rosenkrieg? Zerbrochene Freundschaften? Ich bin ehrlich:  dieser Tanz bleibt für mich unerschlossen.

Abendzettel       „#twowiththree führt Bewegungen in einer abstrakt erzählerischen Weise zusammen, die aus der Inspiration des Liedes (hier gemeint: Sag‘ mir wo die Blumen sind) entstehen. Eine Bewegung führt zur anderen, eine Präsenz übernimmt die andere, eine Kraft übertrifft die vorhergehende und bilden zusammen ein Geflecht aus vergangenen und gegenwärtigen Möglichkeiten.“

 

6 CRISS CROSS von Ulysse Zangs

Elli                          Bei dieser Choreographie waren ein Gitarrist und ein Tänzer auf der Bühne. Dies rief bei mir sofort eine Videospielassoziation hervor. Der Tänzer bewegte sich synchron zu den Tönen der Gitarre. Dies schuf eine Art direkte Verbindung zwischen den Gliedmaßen des Tänzers und den Fingern auf den Saiten der Gitarre – eine Steuerkonsole, könnte man sagen. Die riesige Lichtröhre in der hinteren Ecke der Bühne erinnerte mich an alte Röhrenfernseher und Flimmerkisten. Ein Gitarrensolo mit einzelnem Spotlight thematisiert die Gefühlswelt und Einsamkeit des Spielers. Am Ende harmonieren beide in einer Art heilen Disco-Traumwelt – Spieler und Gespielter gemeinsam, jedoch immer noch abgewandt, distanziert, von einander.

Lui                          Eine helle Lampe steht auf dem Bühnenboden und erleuchtet einen Tänzer und einen Gitarristen. Der Tänzer beginnt sich zur Musik der Gitarre zu bewegen. Tanzend bewegt er sich auf die Leuchte zu, ihr Licht wird immer schwächer. Der Tänzer sitzt nun vor der Lampe. Schwächer: auch so werden seine Bewegungen, bis er nun auf dem Boden liegt. Die Lampe ist aus. Ja genau, es dreht sich um das Leben. Am Anfang tanzend mit voller Energie, dann innehaltend und schließlich erlöscht die Flamme des Lebens und der Protagonist stirbt/vollendet. Der Gitarrist spielt weiter auf seiner Gitarre, ein Keyboarder wird auf die Bühne geschoben, mit dem Rücken zum Publikum. Noch verrückter wird es, als eine Diskokugel an der Decke erscheint. Durch die beschwingenden Klänge der Instrumentalisten, überkommt es mich und ich beginne leise mit zu singen: „like a virgin … touched for the very first time …‘‘ Ich denke, man muss an manchen Stellen nicht seine Interpretationskünste unter Beweis stellen, sondern man kann sich auch einmal zurück lehnen und seine Ohren beschallen lassen und dabei nichts denken. Das will uns das Stück damit sagen.

Abendzettel      „Eine plötzliche Offenbarung, die uns für das Hier und Heute öffnet, die Erfahrung, dass Anfang und Ende Eins sind. Dass Kommunikation Schweigen bedeutet. Rein. Eine Idee. Ein Sinn.“

 

7 TRANSHUMAN REFLECTION von Joel Small

Elli                          Diese Performance erinnerte mich sehr stark an eine Nacht im Club, in der sich jeder in der Masse verlieren möchte, aber doch nur mit sich selbst beschäftigt ist. Die Tänzer bewegen sich zu elektronischen Beats – teilweise mit banalen Clubtanzschritten. Viele Bewegungsabfolgen sind dabei synchron – immer wieder grenzt sich ein Individuum ab, ordnet sich dann wieder der Masse unter, wird ausgeschlossen, umschlossen, eingeschlossen. Die riesigen Spiegelelemente auf der Bühne dienten dabei zur Selbstreflektion, erinnerten aber auch irgendwie an Badezimmerspiegel in einem Club, in denen man sich nach einer durchtanzten Nacht verschwitzt und außer Atem im Neonlicht betrachtet und sich fragt, was real ist und was nicht.

Lui                          Alle Tänzer stehen nun auf der Bühne, bekleidet mit skurrilen und futuristisch aussehenden Kleidungsstücken. Gemeinsam wird sich zum Takt der Musik bewegt. Die abgespielten Szenen assoziiere ich mit dem heutigen Gesellschaftssystem und der Unterdrückung des einzelnen Individuums. Es wird versucht sich zu entfalten, doch die anderen Tänzer zwingen die Protagonistin dazu, sich im Gleichschritt zu bewegen. Es gibt nun keinen der anders ist – alle sind gleich. Keiner ist einzigartig.

Abendzettel      „Lichtgestalten [kommen] aus dem Kosmos auf die Erde und bringen eine Botschaft. […] Durch Selbstreflexion und Bändigung ihres kollektiven Bewusstseins nehmen sie durch Tanz und Ritual eine andere Gestalt an. Sie entwickeln sich von der Gehbewegung über den Tanz zu einer höheren Stufe des Bewusstseins.“

Wir hoffen mit diesem Artikel konnten wir die Vielfalt und Freiheit, die zeitgenössischem Tanz innewohnt, hervorheben – und dass an diesem Abend nicht nur 7 verschiedene Stücke gezeigt, sondern hunderte verschiedene Stücke gesehen wurden.

 

Ein Artikel von Luisa Trobisch und Elisa Kneisel

Foto: Raffaele Irace