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„Kill your … !“ im Festspielhaus Hellerau

Um 20 Uhr ist die Empfangshalle des Festspielhaus Hellerau gefüllt mit Kunstinteressierten, allesamt gespannt auf die bevorstehende Performance „Kill your … !“ der Choreografen Cindy Hammer, Joseph Hernandez, Anna Till und Johanna Roggan, die in ihrem Stück auch tanzen werden. Schon der Titel regt zum Nachdenken an: Was soll gekillt werden? Weshalb? Und was hat diese Aufforderung mit dem Leitgedanken des Spielplans im Oktober 2017, „Rekonstruktion der Zukunft-Raum-Licht-Bewegung-Utopie“, zu tun?

Die Performance  beginnt mit einer Ansprache ans Publikum durch zwei der Choreographen. Nach kurzer Wartezeit betritt man dann von der Seite aus den großen Saal des Festspielhaus Hellerau, und landet inmitten der weißen Elemente der Rekonstruktion von Adolphe Appias Bühne. Die Besucher bekommen die Chance, diese Bühne zu erkunden, zwischen den einzelnen Teilen hindurchzulaufen und die Tänzer, die bereits erste Bewegungsabläufe vorführen, aus nächster Nähe zu betrachten. Dann plötzlich ein Lichtsignal und die damit verbundene Aufforderung an die Besucher, sich auf die Tribüne zu begeben, um den Performern die Bühne zu überlassen.

Bei dezenter musikalischer Begleitung beginnen die Tänzer nun, gemeinsam die gesamte Bühne mit in ihre Performance einzubeziehen. Den Zuschauern gleich erkunden sie die Ecken und Kanten der Appia-Bühne, verschwinden zwischen den einzelnen Elementen, tauchen an anderer Stelle wieder auf. Sie führen sowohl synchrone als auch individuelle Bewegungen auf, immer im Bezug aufeinander. Mehrfach fällt einer der vier zu Boden und wird von den anderen „geweckt“.  Dann plötzlich holt Anna Till ein Mikrofon hervor und beginnt auf ironische Art, mit dem Charme eines Touristenführers, den Zuschauern auf den Tribünen die Bühne vorzustellen, ihre Geschichte, ihre Maße. Nüchtern, frei von träumerischen Interpretationsansätzen stellt sie Appias Werk dem Publikum vor. Währenddessen führen Cindy Hammer und Joseph Hernandez eine Partnerperformance auf, Johanna Roggan verschwindet derweil  vollkommen hinter der Bühne. Zum Ende hin wird sogar eine Art Probe auf der Bühne dargestellt, die ihre Krönung darin findet, dass Anna Till und Joseph Hernandez auf einmal mitten in der Choreografie abbrechen und anfangen miteinander Bewegungsabläufe zu besprechen, so als würden sie das Stück noch üben.

Die Aufführung zeigt den Besuchern die Bühne auf die verschiedensten Weisen, mit blanken Zahlen, Farben, Licht. Mal sieht man eine Landschaft, mal ein futuristisches Bauwerk, mal Flächen, mal Körper. Der Betrachter wird mit einbezogen, wird dazu angeregt diese Bühne komplett, jedes einzelne Element, zu erkunden. Sogar die uns bekannten Dimensionen werden aufgebrochen, indem Johanna Roggan auf dem Boden liegt, auf den Seitenflächen der weißen Blöcke „entlangläuft“, wodurch auf einmal eine vollkommen neue Sichtweise der Bühne beim Zuschauer entsteht.

Das Besondere an allen Aufführungen auf dieser Bühne ist, dass man als Besucher von jedem Punkt der Tribüne aus ein anderes Stück sieht, andere geometrische Formen entstehen, man andere Anteile der Performance erblickt. Um „Kill your … !“ vollständig zu erleben, müsste man eigentlich mindestens dreimal in die Aufführung gehen und sich jedes Mal an unterschiedliche Stellen der Tribüne setzen. Da diese Performance aber auch nicht langweilig wird, würde man dies gerne tun – leider steht sie nur zweimal auf dem Spielplan.

Text von Paul und Titus Thiele

Foto: Stephan Floss