„Gegenwind“ eine Werkstattaufführung des Clubs der beschleunigten Bürger*innen im Kleinen Haus

Die Spielfläche als Ausstellungsbereich. Die Schauspieler als Ausstellungsobjekte und mittendrin ein hängendes Netz angereichert mit unzähligen bunten Bällen.

Das ist der erste Blick, denn die beschleunigten Bürger dem Eintretenden bieten. Es wird herumspaziert, ausgekundschaftet und das Publikum hat die Möglichkeit ganz ungeniert zu starren. Zitate zu jedem „Objekt“ werden auch gleich mitgeliefert.

Und dann geht’s los. Die Szenerie: Gruppentreffen, Atemübungen, nicht aus der Ruhe bringen lassen vom Alltag, kleineren Sperenzien, Hunger oder so ganz allgemein dem Leben. Zuspätkommer stören das Bild und die Ruhe sowieso. Gruppe fasst sich und fasst sich wieder.

Störfaktor bunter Ball macht seine Runden, offenbart die kleinen, die winzigen und die weniger großen Gründe fürs Zuspätkommen.

Wenige Augenblicke später befindet sich die Bühne in Aufruhr. Schreie nach einer Revolution werden laut, die Ideen der Umsetzung gehen auseinander. Interpretationen des Wiederstandes liefern sich den Schlagabtausch. Die Masse mal im Achtsamkeitsrausch, mal mit animalischer Triebhaftigkeit unterwegs, dann wieder gierig am Tanzen. Bälle fliegen nur so umher, von allen Seiten. Langweilig wird es nicht. Themen wie Konsum und Ausgrenzung stehen im Raum. Tauschpartys und Abgrenzung resultieren.

Die Konstellationen sind ständig im Wechsel. Da werden abwechselnd 3 Lebensentwürfe im blendenden Scheinwerferlicht vorgestellt und die Akteure nebenbei mit Bällen beladen, oder Ballast? Oder über die Bühne verteilte Paar-Konstrukte kommen auf Magnete zu sprechen. Zum Ende hin stößt der Zuschauer auf einen inneren Monolog, der es in sich hat. Da ist von „Wiederstand gegen den Wiederstand“ die Rede und dass man sich selbst manchmal etwas entgegen setzten muss, um weltlich zu bestehen.

Und auch die musikalische Bebilderung untermalt dieses Wechselspiel der Gewalten immer wieder neu, bis am Ende nur noch das Geräusch von fallenden Bällen übrigbleibt. Poetischer geht nicht.

Wiederstand ist allgegenwärtig. Zieht sich gemeinsam mit den immer wiederkehrenden bunten Bällen straff gespannt als roter Faden durch den Abend.  Der Gegenwind weht beständig, dreht die Richtung, überrascht, überrumpelt, überwindet um am Ende im Nichts zu Vergehen.

Ein Besuch der sich lohnt.

 

 

Text und Foto: Renée Jäger