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Fast Forward – europäisches Festival für junge Regie 2025

Foto: Charly Harazim

Vom 13. bis 16. November lud das Fast Forward Festival auch in diesem Jahr dazu ein, die Bühnen Dresdens zu erkunden. Mit acht Inszenierungen bespielte das bisher jährlich stattfindende Performancefestival für junge Regie unter anderem das Kleine Haus des Staatsschauspiels, HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste sowie die Probebühne der HfBK Dresden. Wir von Kulturgeflüster haben vier der insgesamt acht Inszenierungen besucht und berichten von unseren Eindrücken.

Den Auftakt bildete die Festivaleröffnung im Kleinen Haus des Staatsschauspiels. In emotionalen Ansprachen begrüßten der Intendant des Staatsschauspiels, Joachim Klement, die Dresdner Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch sowie die Festivalleiterin Charlotte Orti von Havranek das Publikum. Doch statt einer heiteren Begrüßung lag eine spürbare Schwere im Saal: Das Fast Forward Festival wird vorerst zum letzten Mal stattfinden.

Eine Tragödie jagt die nächste: Mit dieser Stimmung begann auch für uns das künstlerische Programm des Festivals. Das erste Stück, das wir besuchten, „Die größte Tragödie der Menschheit“ von Jacopo Giacomoni & Malmadur, lädt das Publikum spielerisch dazu ein, aktiv zu werden. In fünf Akten werden den Zuschauer*innen jeweils zwei tragische Szenarien präsentiert, über die anschließend abgestimmt werden. Die als tragischer empfundene Situation kommt eine Runde weiter.

Das Spektrum der Szenen ist dabei bewusst extrem angelegt: Es reicht vom verlorenen Handy im Canal Grande bis hin zu brutalen Kriegsverbrechen und dem ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Zu Beginn wirkt die Atmosphäre beinahe locker. Die Interaktion der beiden Performenden erscheint improvisiert, fast so, als sei das Publikum zufällig anwesend.

Schnell werden jedoch die unterschiedlichen Spielmodi des Abends deutlich. Neben klassischen Abstimmungen gibt es sogenannte Quick-Fire-Rounds, in denen die tragischen Szenarien sehr kurz und schnell vorgetragen werden, sowie die Kategorie „Schicksal“. Hier entscheidet das Publikum per Zufallsprinzip: Alle Szenarien laufen wie bei einem Generator durch, jemand ruft „Stopp“, und eine neue Tragödie ist ausgewählt.

Aufgelockert wird der Abend durch Pausen, in denen zum Beispiel Katzenvideos oder Memes gezeigt werden, die wie bei Social Media durchlaufen. Doch im Verlauf der Performance verändert sich der Ton spürbar. Die Musik wird düsterer, die Performenden ernster. Als eine Künstlerin schließlich unter Tränen die Bühne verlässt, bleibt das Publikum sprachlos zurück. Der anfängliche Gameshow-Charakter ist verschwunden – was bleibt, ist die Realität der dargestellten Tragödien. Zum Abschluss schreibt das Publikum die individuell größte Tragödie auf und wirft sie in einen Triumpf-Topf auf der Bühne.

Für uns folgt das Stück „UNRUHE“ von Nolwenn Peterschmitt und Groupe Crisis. Der thematische Ausgangspunkt von „UNRUHE“ ist der sogenannte Veitstanz, eine Tanzepidemie, die 1518 in Straßburg mehrere hundert Menschen dazu brachte, tagelang tanzend durch die Straßen zu ziehen. An dieses historische Rätsel knüpft die französische Produktion an und fragt, welche individuellen und kollektiven Impulse – darunter auch der Tanz – für Menschen existenziell sein können.

Das Stück beginnt nicht im Innenraum, sondern draußen vor dem Festspielhaus. Zwei der Performerinnen erklären den historischen Hintergrund und stellen einen direkten Bezug zum Ort her: Auch damals tanzten Menschen auf offener Straße. Dann endet die Ansprache. Stille. Für einen Moment ist unklar, was als Nächstes geschieht, doch nach kurzer Zeit rennen zwei Personen laut lachend an der Gruppe vorbei. Nach kurzem Zögern setzt sich die Menge ohne weitere Aufforderung in Bewegung und folgt ihnen. Von hinten werden wir schließlich ins Festspielhaus geführt.

Im Inneren gibt es keine klassische Zuschauertribüne. Stattdessen stehen nur vereinzelt Stühle für diejenigen bereit, die sich setzen möchten. Das Bühnenbild bleibt äußerst reduziert und arbeitet vor allem mit Licht. Im ersten Teil des Stücks tanzen Publikum und Performende gemeinsam. Wer genau zur Inszenierung gehört und wer nicht, ist kaum auszumachen – alle ziehen gleichermaßen mit, motivieren einander und schaffen eine heitere, fast ausgelassene Stimmung. Zwar bleibt es jederzeit möglich, sich zurückzuhalten, doch die Energie der Gruppe wirkt ansteckend. Besonders eindrucksvoll ist der Einsatz von Licht: Die Schatten der tanzenden Körper werden an die Wände projiziert und verdoppeln die Masse im Raum. Es entsteht der Eindruck, als würden noch viel mehr Menschen gemeinsam tanzen – eine starke visuelle Erinnerung an die historischen Tanzbewegungen im öffentlichen Raum.

Der Übergang in den zweiten Teil erfolgt erneut ohne klare Ansage. Unauffällig werden einzelne Personen, die nicht zur Gruppe gehören von der Tanzfläche geleitet. Die verbleibenden Performenden wirken nun, als stünden sie unter Drogeneinfluss – ein Verweis auf eine Theorie, nach der der Veitstanz durch Mutterkornvergiftungen ausgelöst worden sein könnte. Zunächst bricht eine Person körperlich zusammen, dann steigern sich weitere in einen Zustand des Kontrollverlusts. Gewalt und Wahnsinn nehmen zu und sind teilweise schwer mit anzusehen.

Eine Figur wird in zahlreiche Kleidungsstücke und Tücher eingewickelt, bis sie kaum noch menschlich wirkt. Sie verharrt regungslos, während sich das Geschehen um sie herum weiter zuspitzt. Am Ende klingt der Ausnahmezustand langsam ab. Gemeinsam mit dem Publikum wird die Person wieder ausgewickelt, die Kleidungsstücke werden nach hinten weitergereicht – ein kollektiver Akt, der an den gemeinsamen Beginn des Stücks anknüpft.

„UNRUHE“ hinterlässt ein ambivalentes Gefühl: gemeinschaftsstiftend und mitreißend, zugleich verstörend und irritierend. Gerade in diesem Kontrast entfaltet das Stück seine Wirkung und bleibt als körperlich erfahrbares Erlebnis im Gedächtnis.

In die nächste Performance wurden wir im wahrsten Sinne des Wortes hineingeworfen. In „Das Wetter zuhause. Ein Wohnzimmerballett“ von Aleksandr Kapeliush setzt sich der junge Regiestudent autobiografisch mit seinem Leben auseinander.

Das Heimatland verlassen, die Familie zurücklassen, weil ein Verbleib dort nicht mehr möglich ist: Zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine verließ Kapeliush seine Heimatstadt St. Petersburg, ging zunächst nach Israel und kam schließlich nach Deutschland.

Das Stück ist in eine Ouvertüre, vier Akte und ein Ende gegliedert. Diese biografischen Abschnitte sind eng mit Tschaikowskys „Schwanensee“ verknüpft. Jeder Akt wird mit einer modernen Zusammenfassung des jeweiligen Ballettakts eingeleitet.

Das anfangs relativ schlichte Bühnenbild füllt sich im Laufe der Performance zunehmend mit persönlichen Gegenständen. Erinnerungsstücke aus verschiedenen Lebensphasen erhalten ihren Platz auf der Bühne und machen sie zu einem sichtbaren Archiv der Biografie des Künstlers.

Zentrale Themen der Inszenierung sind der Verlust von Heimat und Familie, der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität sowie das Leben in einem fremden Land. Diese Konflikte werden durch Tanz-, Musik- und Sprechbeiträge vermittelt. Eingespielte Ausschnitte aus einer Dokumentation über das Leben der Künstlerfamilie zeigen einen Jungen, der im Wohnzimmer zu „Schwanensee“ tanzt und überzeugt sagt: „Ich werde ein Haus bauen, und das wird ein Theater sein.“

Gemeinsam mit dem Künstler stellt sich das Publikum die Frage, was aus diesem Jungen geworden ist. Die Inszenierung wird zur Suche nach einem neuen Weg – und findet ihn in der Verbindung verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen, die spürbar Raum für Freiheit und Zufriedenheit schaffen.

Ein Garten der Erinnerung: In ihrer Produktion „last portrait“ setzen sich die beiden jungen Performenden Ashley Ho und Domenik Naue mit ihren Familiengeschichten auseinander und suchen nach Parallelen in ihren auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Verlustgeschichten.

„last portrait“ ist als Performance-Installation angelegt. Der Raum erinnert beim Betreten an ein Labor. In der Mitte der Bühne, die auf vier Seiten von Sitzplätzen umrahmt wird, befindet sich eine große, erdbedeckte Fläche. Von der Decke hängen kleine Wellblechstücke, zudem stehen zwei bewegliche Regale im Raum, gefüllt mit leeren Medikamentendosen und Fotografien. All diese Objekte fungieren als Erinnerungsstücke, mit denen das Publikum in das Geschehen eingeführt wird. Bereits vor der Vorstellung – und auch im Anschluss – ist das Publikum eingeladen, den Raum eigenständig zu erkunden.

Die Inszenierung nutzt eine Vielzahl künstlerischer Ausdrucksformen. Neben Gesangs- und Sprechteilen gibt es mehrere Tanzsequenzen sowie Audioeinspieler. Zunächst lernen wir den Garten von Domenik Naue kennen, in dem er einen Großteil seiner Kindheit verbracht hat. Doch aufgrund des hohen Alters seiner Großeltern können sie diesen heute nicht mehr bewirtschaften – ein stiller Abschied.

Nach und nach verwebt sich diese Geschichte mit der von Ashley Ho und ihrem Vater. Kurz vor Ashleys siebtem Geburtstag wurde bei ihm eine früh beginnende Parkinson-Erkrankung diagnostiziert. Ashley wuchs als pflegende Angehörige auf und teilt in „last portrait“ ihre Erfahrungen und Routinen. Beide Geschichten verlaufen parallel und beleuchten, wie herausfordernd es sein kann, Fürsorge zu leisten und zugleich der Realität ins Auge zu blicken. Eine Antwort darauf formulieren die Performenden selbst: „perhaps to care is to do so with force“ – „Vielleicht bedeutet Fürsorge, sich mit Gewalt darum zu kümmern.“

Mit „last portrait“ schloss sich für uns der Vorhang des Fast Forward Festivals.

Damit verabschiedete sich die neunte Dresdner Ausgabe des Fast Forward Festivals – intensiv und mit dem Gefühl, dass hier etwas Bedeutendes zu Ende geht. Hoffentlich nicht für immer!

Ein Text von Charlotte Schumann und Charly Harazim