„Cezary zieht in den Krieg“: polnisches Theater im Festspielhaus Hellerau

 

Vier Schauspieler und eine Pianistin, allesamt in Sportkleidung, Musik von Stanislaw Moniuszko und anderen polnischen Komponisten, und eine ordentliche Portion Humor: das ist die von Cezary Tomaszewski inszenierte Tanzperformance „Cezary zieht in den Krieg“  („Cezary idzie na wojne“). Aufgeführt wurde das Werk im Rahmen des Festivals des aktuellen polnischen Theaters im Festspielhaus Hellerau, „Polski Transfer”.

Die Inszenierung beschäftigt sich mit dem jungen Polen Cezary und dessen Aufnahmeprozess in die Armee seines Heimatlandes, welcher für ihn mit zahlreichen Problemen verbunden ist. Zu Beginn werden dem Zuschauer die sogenannten „Kategorien“ vorgestellt,  in die die Rekruten eingeteilt werden, zusammenhängend mit einer langen Liste von Fähigkeiten und Krankheiten bzw. Einschränkungen, die die Einteilung begründen. Schließlich erfährt man, dass der Protagonist Cezary in der niedrigsten Kategorie, der Kategorie „E“  eingestuft wurde, worüber er alles andere als glücklich ist. Aus seiner Überzeugung heraus, es müsse sich um ein Missverständnis handeln, entwickelt sich eine künstlerische Interpretation von Cezarys Alltag in der Armee und seinen Versuchen der positiven Selbstdarstellung zwecks der Neueinteilung in die Kategorie „A“.

Tomaszewski bedient sich bei der Umsetzung seines Werkes eines interessanten Stilmittels: Statt eines einzelnen Darstellers setzt er gleich vier für Cezary ein, die zwar zwischenzeitlich auch andere Rollen innehaben, immer wieder jedoch abwechselnd oder sogar gleichzeitig den Protagonisten verkörpern. So gibt es Szenen, in denen die vier Schauspieler drei gehorchende Soldaten und einen Vorgesetzten darstellen, genauso wie Ausschnitte in welchen zum Beispiel alle gemeinsam Lieder singen um Cezarys Gesangstalent zu verdeutlichen. In diesen Szenen mit Mehrfachbesetzung wiederum passiert es immer wieder, dass ein einzelner Darsteller sich plötzlich in seinem Verhalten von den anderen unterscheidet und so auf einmal wieder der Eindruck von einer einzigen Hauptfigur und mehreren Nebenfiguren entsteht. Um bei dem Beispiel der Gesangsszene zu bleiben: wenn einer der Schauspieler während des Liedes, kurz vor Beginn eines besonders eindrucksvollen Abschnitts, schnell sein Oberteil auszieht und sich in eine stolze, eindrucksvolle (gleichzeitig jedoch auch amüsante) Pose begibt, bevor er lauter weitersingt, dann wechselt die Wirkung auf den Betrachter mitten in der Szene von einer Vierfachverkörperung einer einzigen Figur zu einer Darstellung des Protagonisten und seiner Kameraden, in welcher ersterer hervortritt durch das stolze, selbstbewusste Präsentieren seines Talents. Dadurch gelingt es Tomaszewski, ohne eine Veränderung ihres Verhaltens drei der vier Darsteller die Rolle wechseln zu lassen, ohne das es auf den Zuschauer den Eindruck einer abrupten Änderung hinterlässt.

Der Humor bei „Cezary zieht in den Krieg“ funktioniert auf Deutsch genauso gut wie auf Polnisch, was vordergründig daran liegt, dass die meisten lustigen Elemente auf physischer Ebene angelagert sind. Durch die Wiederholung skurriler und lustig anzuschauender Posen und Bewegungen entsteht eine so simple und dennoch wirkungsvolle Witzigkeit, dass beispielsweise bei dem bereits erwähnten Ausziehen des Oberteils, welches mehrfach stattfindet, sogar einer der Darsteller sich nicht mehr zusammenreißen und sich ein Lachen nicht verkneifen kann. Trotz des amüsanten Charakters wird die Inszenierung aber keinesfalls ins Lächerliche gezogen, im Gegenteil, die Einarbeitung des Humors ist gelungen und nicht übertrieben und lockert das ernste Thema des Krieges und des Soldatenalltags angenehm auf.

Wenn man den Titel der Performance und den Namen ihres Choreografen liest, ist die Vermutung einer autobiografischen Zusammenhangs naheliegend. Und tatsächlich, Cezary Tomaszewski verarbeitet in „Cezary zieht in den Krieg” seine eigenen Erfahrungen bei der Musterung für die Armee und lässt zahlreiche autobiografische Fakten in die Vergangenheit seines Protagonisten einfließen. Dies verleiht der Performance trotz ihres sehr experimentellen Charakters einen unbestreitbaren Realitätsbezug.

„Cezary zieht in den Krieg“ ist eine Inszenierung voll von gut durchdachten und kreativen Darstellungsideen, die es zu einem meiner Meinung nach auf jeden Fall sehenswertem Werk machen. Der Zuschauer erlebt den Hauptcharakter Cezary auf eine Art und Weise, die ihn sympathisch und liebenswert wirken lässt, zudem kann man sich gut in ihn hineinversetzen. Schade finde ich persönlich nur, dass der Saal während der Performance nur gerade einmal halb voll war- Tomaszewskis Werk verdient mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Ein Beitrag von Paul Thiele

Fotos von Pat Mic